Religion

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Gesetzeslage zur Religionsfreiheit und deren faktische Anwendung

Obwohl die Republik China – so lautet der offizielle Name Taiwans – von der Volksrepublik China nur durch die schmale Taiwanstrasse getrennt ist, liegen in Bezug auf die Religionsfreiheit Welten zwischen der Insel und dem Festland. Dank der Demokratisierung der Regierungsinstitutionen und des politischen Lebens, die unter Präsident Lee Teng-hui, einem presbyterianischen Christen [1] (von 1988 bis 2000 an der Macht) begann, herrscht in Taiwan heute echte Religionsfreiheit. Sowohl die Verfassung als auch das taiwanesische Gesetz garantieren den 23 Millionen Taiwanesen die volle Religionsfreiheit, und diese wird von behördlicher Seite im Allgemeinen auch respektiert.[2] Berichte über religiöse Spannungen liegen nicht vor, weder zwischen religiösen Organisationen noch zwischen Religionsgemeinschaften.

Taiwan erlebt derzeit einen starken Zustrom von Menschen aus der Volksrepublik China, die hier am eigenen Leib erfahren, wie Religionsfreiheit in einem chinesischen Land gelebt werden kann. Die Falun-Gong-Bewegung in Taiwan ist ein gutes Beispiel dafür. Falun Gong ist eine Form von Qigong auf der Grundlage buddhistischer Traditionen und erreichte in China in den 1990er-Jahren mit Zehntausenden von Anhängern grosse Popularität. Die chinesischen Behörden fühlten sich vom Erfolg der Bewegung bedroht und beschlossen 1999, dagegen anzugehen: Falun Gong wurde verboten, Tausende von Anhängern wurden inhaftiert, gefoltert oder hingerichtet. Im Taiwan hingegen hat Falun Gong sich stetig weiterentwickelt. Die Falun Gong Society of Taiwan (Falun-Gong-Gesellschaft von Taiwan) zählt heute eine Million Mitglieder aus über 1.000 verschiedenen Zweigen. Auch wenn diese Zahlen eventuell mit Vorsicht zu geniessen sind, so spiegeln die Bemühungen der Falun-Gong-Anhänger in Taiwan, die Besucher aus China über die Unterdrückung der Bewegung in der Volksrepublik informieren, zweifelsohne den Grad an religiöser Freiheit wider, der in Taiwan herrscht.[3]

Aus rechtlicher Sicht ist die Stellung von Hausangestellten unter dem taiwanesischen Arbeitsrecht sicherlich erwähnenswert. Etwa 231.000 Hausangestellte arbeiten in Taiwan.[4] Sie stammen überwiegend aus den Philippinen oder Indonesien. Ihre Arbeitsverträge beinhalten in der Regel keinen wöchentlichen Ruhetag, wodurch sie in ihren Möglichkeiten, an einem Gottesdienst oder anderen gemeinschaftlichen religiösen Handlungen teilzunehmen, eingeschränkt sind.[5] Es sieht derzeit nicht danach aus, als hätten die taiwanesischen Behörden die Absicht, diese Gesetzgebung zu ändern.

Abgesehen von dieser Einschränkung ist die Religionsfreiheit in der Verfassung fest verankert, ebenso wie das Recht auf Anbetung und die Gleichbehandlung aller Religionen. Jede religiöse Handlung gilt so lange als legal, wie sie die Grundfreiheiten anderer nicht beeinträchtigt und weder das Allgemeinwohl noch die soziale Ordnung gefährdet.

In Taiwan haben Religionen im Alltagsleben ihren festen Platz. Das Land ist Heimat vieler neuer religiöser Bewegungen, die dort aufblühen und sich entwickeln können, häufig auf Grundlage des Buddhismus, Taoismus oder Konfuzianismus, wie zum Beispiel die auf dem Konfuzianismus beruhende Volksreligion Yiguandao.

Ein weiteres gutes Beispiel für die Lebendigkeit religiöser Bewegungen in Taiwan ist Tzu Chi. Die Gemeinschaft nahm 1966 nach dem Treffen einer buddhistischen Ordensschwester mit drei Schwestern des katholischen Ursulinenordens ihren Anfang. Die buddhistische Ordensschwester, Chen Yen, gründete daraufhin die Tzu-Chi-Bewegung, die umfangreiche karitative und soziale Dienste leistet. Die Glaubensgemeinschaft betreibt inzwischen mehrere Klöster, zwei Universitäten, zwei Fernsehsender, vegetarische Restaurants, eine Reihe von Schulungszentren und sechs Krankenhäuser. Sie hat sich in 96 Ländern etabliert [6] und beschäftigt 10.000 Mitarbeiter und 2 Millionen Freiwillige.

Vorkommnisse

In den vergangenen zwei Jahren wurde über keine grösseren Vorfälle im Zusammenhang im Zusammenhang mit der Religionsfreiheit berichtet.

Im Juli 2017 kündigte die Environmental Protection Agency (taiwanesisches Umweltschutzministerium, EPA), Pläne an, den Einsatz von Weihrauch in den Tempeln der Grossstädte zu begrenzen.[7] Das Ministerium gab an, dass es dabei darum ging, die Luftverschmutzung durch die Verbrennung von Weihrauch zu minimieren. Vor dem Bürogebäude des Präsidenten in Taipeh fanden daraufhin friedliche Demonstrationen von Mitgliedern verschiedener Religionsgemeinschaften statt, die die Position vertraten, dass die Verbrennung von Weihrauch wesentlich weniger Schaden anrichte als die Luftverschmutzung durch die Industrie und das Transportwesen. Als Reaktion darauf veröffentlichte das Executive Yuan (taiwanesisches Kabinett) Bilder von Präsidentin Tsai Ing-wen und dem damaligen Premierminister Lin Chuan, die während des Gebets im Tempel Räucherstäbchen hielten, um so aufzuzeigen, dass es sich um „ein Missverständnis“ handle und die „EPA niemals eine Praxis der Religionsausübung verbieten wollte“. Nichtsdestotrotz bestand die Behörde darauf, dass die Massnahme notwendig sei, um die Luftqualität in Taiwans Städten zu verbessern.[8]

Die mögliche Legalisierung gleichgeschlechtlicher Ehen in Taiwan war ein heikles Thema. Die Alliance of Religious Groups for the Protection of the Family (Bündnis der Religionsgemeinschaften zum Schutz der Familie), eine 2013 von der katholischen Kirche und einigen buddhistischen Gemeinschaften ins Leben gerufene Organisation, stellt sich insbesondere gegen einige lexikalische Änderungen durch den Gesetzentwurf, wie zum Beispiel die Streichung der Worte „Ehemann und Ehefrau“ aus bestehenden Gesetzen und Ersetzung mit den Worten „Ehepartner“ oder „Lebensgefährten“. Präsidentin Tsai Ing-wen, die während ihrer Präsidentschaftskampagne „unterschiedliche Arten des Familienlebens“ unterstützt hatte, entschied sich, den Gesetzentwurf zu vertagen und erklärte, dass in dieser Frage zunächst ein nationaler Konsens gefunden werden solle.[9] Es wurde jedoch in diesem Zusammenhang keine Verletzung der Rechte irgendeiner Religionsgemeinschaft verzeichnet.

Perspektiven für die Religionsfreiheit

In den kommenden Jahren ist mit einer weiteren Demokratisierung der nationalen Institutionen und des politischen Lebens zu rechnen. Dank der fortschreitende Demokratisierung des Landes ist nicht davon auszugehen, dass die Religionsfreiheit zukünftig beschnitten wird. Im Alltagsleben auf der Insel sind Religionen sehr präsent.

„Dank der Demokratisierung der Regierungsinstitutionen und des politischen Lebens herrscht in Taiwan heute echte Religionsfreiheit. Sowohl die Verfassung als auch das taiwanesische Gesetz garantieren den 23 Millionen Taiwanesen die volle Religionsfreiheit. Berichte über religiöse Spannungen liegen nicht vor, weder zwischen religiösen Organisationen noch zwischen Religionsgemeinschaften.“

Endnoten / Quellen

[1] Cheng-Tian Kuo: Religion and Democracy in Taiwan (2008, Albany, New York : State University of New York Press), S. 13.

[2] Bureau of Democracy, Human Rights, and Labor, International Religious Freedom Report for 2014: Taiwan Part, American Institute in Taiwan, https://www.ait.org.tw/international-religious-freedom-report-2014-taiwan-part/, (Zugriff am 21. Februar 2018).

[3] Cheng Yuyan, ‘Taiwan: Thousands of Falun Gong Practitioners Hold Chinese New Year Celebration in Appreciation of Master Li’, Falun Dafa Minghui.org, 15. Februar 2015, http://en.minghui.org/html/articles/2015/2/15/148410.html, (Zugriff am 21. Februar 2018).

[4] Bureau of Democracy, Human Rights, and Labor, Taiwan 2016 International Religious Freedom Report, U.S.-Außenministerium https://www.state.gov/documents/organisation/269012.pdf, (Zugriff am 21. Februar 2018).

[5] Joe Henley, „Domestic slavery, Maid in Taiwan“, Taipei Times, 17. Februar 2015 http://www.taipeitimes.com/News/feat/archives/2015/02/17/2003611746, (Zugriff am 21. Februar 2018).

[6] „La fondation bouddhiste Tzu Chi inaugure ses nouveaux locaux“, Le Nouvelliste, 16. Januar 2018, http://www.lenouvelliste.com/article/181888/La%20fondation%20bouddhiste%20Tzu%20Chi%20inaugure%20ses%20nouveaux%20locaux, (Zugriff am 21. Februar 2018).

[7] Dies ist eine gängige Praxis in den chinesischen Volksreligionen; Gläubige versammeln sich in Tempeln und verbrennen große Mengen Weihrauch.

[8] „Religious leaders incensed over rumored incense ban“, Taiwan News, 21. Juli 2017 https://www.taiwannews.com.tw/en/news/3215774, (Zugriff am 21. Februar 2018).

[9] „Les chrétiens mobilisés pour bloquer la légalisation du mariage homosexuel“, Églises d’Asie, 23. November 2016 http://eglasie.mepasie.org/asie-du-nord-est/taiwan/2016-11-23-les-chretiens-mobilises-pour-bloquer-la-legalisation-du-mariage-homosexuel, (Zugriff am 21. Februar 2018).

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