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18.564.000Bevölkerung

185.180 Km2Fläche

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homekeyboard_arrow_rightSyrien

Gesetzeslage zur Religionsfreiheit und deren faktische Anwendung

In Syrien kam es im März 2011 im Zuge regierungskritischer Proteste zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und den Truppen von Präsident Baschar al-Assad, die im Sommer des Jahres zu einem handfesten Bürgerkrieg eskalierten, nachdem sich die Opposition militarisiert hatte. Seit dem Eingreifen regionaler (Iran, Saudi-Arabien) und internationaler Mächte (USA, Russland) ist der Konflikt in Syrien vielfach als Stellvertreterkrieg bezeichnet worden. Wie viele Menschenleben er bisher gefordert hat, lässt sich nicht genau bestimmen; viele Gebiete im Land sind nicht zugänglich, und von verschiedenen Seiten liegen widersprüchliche Schätzungen vor. In einem UN-Bericht aus dem Jahr 2016 wurde die Zahl der Todesopfer mit ca. 400.000 beziffert.[1]

Infolge des Krieges ist die Infrastruktur des Landes weitgehend zerstört; jeder zweite Syrer hat mittlerweile seinen Heimatort verlassen und ist in eine sicherere Gegend des Landes oder ins Ausland geflüchtet. Nach Angaben des Internal Displacement Monitoring Centre [2], einer internationalen Institution zur Überwachung konfliktbedingter interner Vertreibungen, ist die syrische Flüchtlingskrise die grösste weltweit: Allein im Jahr 2017 wurden 2,9 Mio. Menschen vertrieben. Auch die Zahl der syrischen Flüchtlinge im Ausland erreichte Ende 2015 ein trauriges Rekordniveau, wie das Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen (UNHCR) im Juni 2016 bekanntgab: Mit 4,9 Mio. weltweit übertraf Syrien das zweite Land auf der UNHCR-Liste, Afghanistan, um gut zwei Millionen.

Die meisten Syrer sind sunnitische Muslime. Unter den nichtarabischen Volksgruppen stellen die Kurden die Mehrheit; sie gehören ebenfalls dem sunnitischen Islam an. Alawiten, Christen und Drusen ergänzen das religiöse Mosaik des Landes. Hinsichtlich der Religionsfreiheit hat sich die Lage in Syrien seit 2011 drastisch verschlechtert. Vor Kriegsbeginn stellten Christen mit etwa 10% noch eine nicht unbedeutende Minderheit der Bevölkerung. Die meisten christlichen Kirchen im Land sind Kirchen des östlichen Ritus, so z. B. die Melkitische Griechisch-katholische Kirche und die Syrisch-orthodoxe Kirche. Vor dem Krieg lobten die Kirchen Syrien für seine Atmosphäre der Toleranz. Da die Christen überwiegend in Gegenden angesiedelt waren, die aufgrund ihrer strategischen Bedeutung besonders stark vom Krieg betroffen sind, haben sie in grossen Zahlen ihre Heimatorte verlassen und leben nun als Vertriebene im eigenen Land oder als Flüchtlinge im Ausland.

Präsident Assad gehört der Religionsgemeinschaft der Alawiten an – einem Ableger des Islam, dem die Anhänger vieler Hauptrichtungen Verachtung entgegenbringen; so heisst es etwa, dass viele Sunniten die Alawiten als „Häretiker“ bezeichnen.[3] Gleichwohl sprach der schiitische Gelehrte Musa al-Sadr im Jahr 1974 – als Hafiz al-Assad, der Vater des heutigen Präsidenten, an der Macht war – eine Fatwa (islamisches Rechtsgutachten) aus, mit der die alawitische Gemeinschaft als Zweig des schiitischen Islam anerkannt wurde.

Die im Jahr 2012 per Referendum verabschiedete syrische Verfassung [4] (die nur auf Gebiete Anwendung findet, die von der Regierung kontrolliert werden) legt in Artikel 3 fest: „Die Religion des Präsidenten der Republik ist der Islam. Das islamische Recht ist die wesentliche Quelle der Gesetzgebung. Der Staat respektiert alle Religionen und garantiert die freie Ausübung aller Riten, sofern die öffentliche Ordnung dadurch nicht gestört wird. Die Rechtsstellung der Religionsgemeinschaften wird geschützt und respektiert.“ Artikel 8 verbietet „die Ausübung einer jeglichen politischen Tätigkeit oder die Gründung einer jeglichen politischen Partei oder Gruppierung, die auf religiöser, konfessioneller, stammesspezifischer, regionaler, klassenbasierter, beruflicher Diskriminierung oder auf Diskriminierung hinsichtlich des Geschlechts, der Herkunft, der Rasse oder der Hautfarbe gründet.“ Artikel 33 besagt: „Die Bürger sind in ihren Rechten und Pflichten gleich, ohne Unterscheidung zwischen ihnen aufgrund des Geschlechts, der Herkunft, der Sprache, der Religion oder des Glaubens.” Artikel 42 lautet: „Die Glaubensfreiheit wird in Übereinstimmung mit dem Gesetz geschützt.“

Der Staat schränkt die Möglichkeiten der Missionierung sowie des Religionswechsels ein. Die Konversion vom Islam zu einer anderen Religion ist generell verboten, da dies als Widerspruch zur Scharia erachtet wird. Folglich gestattet der Staat den Übertritt vom Islam zum Christentum nicht; er erkennt jedoch christliche Konvertiten zum Islam an. Das syrische Strafgesetzbuch stellt die Verursachung von Spannungen zwischen Religionsgemeinschaften unter Strafe.[5] Des Weiteren sieht Artikel 462 des Strafgesetzbuchs für die öffentliche Verunglimpfung religiöser Praktiken eine Gefängnisstrafe von bis zu zwei Jahren vor.[6]

Angelegenheiten des Personenstandrechts, z. B. Eheschliessungen und Erbschaften, fallen in die Zuständigkeit der Religionsgemeinschaft, der der betreffende Bürger angehört. Auf Muslime findet die Scharia Anwendung; für Christen und andere religiöse Minderheiten im Land gelten die Gesetze ihrer jeweiligen Gemeinschaften. Die Zivilehe gibt es nicht. Muslimische Frauen dürfen keine nichtmuslimischen Männer heiraten; muslimischen Männern ist es jedoch möglich, Frauen zu heiraten, die einer anderen anerkannten Religionsgemeinschaft angehören.

Vorkommnisse

Die UN-Untersuchungskommission zur Lage der Menschenrechte in Syrien hat festgestellt, dass es sich bei den meisten Opfern der Zivilbevölkerung und den meisten Gefangenen um sunnitische Muslime handelt und dass die syrische Regierung die Blockade von Landesteilen, in denen überwiegend sunnitische Oppositionelle leben, als Kriegswaffe einsetzt.[7] Als Antwort darauf, dass die Regierung ausländische schiitische Kämpfer rekrutiert (u. a. aus Afghanistan und Pakistan), haben Sunniten schiitische Gemeinschaften in diesen Ländern angegriffen. So werden durch den Syrien-Konflikt auch im Ausland die bestehenden Spannungen zwischen Sunniten und Schiiten verschärft. In manchen traditionell sunnitischen Gegenden Syriens – z. B. Damaskus, Homs, Gouvernement Deir ez-Zor (im Osten des Landes) – haben sich schiitische Kämpfer aus dem Iran, dem Irak und dem Libanon mit ihren Familien angesiedelt. Es heisst auch, dass Christen in einigen Stadtvierteln von Damaskus, darunter Bab Touma und Bab Scharqi, unter Druck gesetzt wurden, ihre Häuser an Iraner zu verkaufen.[8]

Die Gemeinschaften der Ismailiten und Drusen – beides Minderheiten innerhalb des schiitischen Islam – sind für bewaffnete Gruppen ein leichtes Ziel, da ihre Bevölkerung sich in bestimmten Gebieten konzentriert. Darüber hinaus wurden Angehörige dieser Gemeinschaften von der Regierung unter Druck gesetzt, in die syrische Armee einzutreten; Männer zwischen 18 und 42 Jahren, die den Wehrdienst verweigerten, liess das Regime verhaften. Infolgedessen sind die meisten Ismailiten und Drusen dieser Altersgruppe aus Syrien geflüchtet.[9]

Die Präsenz islamistischer Gruppierungen unter den zahlreichen oppositionellen Milizen hat grosse Probleme für die Minderheiten im Land mit sich gebracht. So ist beispielsweise die frühere al-Nusra-Front – die sich später in Dschabhat Fatah asch-Scham umbenannte und sich zu Beginn des Jahres 2017 mit anderen Rebellengruppen zum Bündnis Hai’at Tahrir asch-Scham zusammenschloss – im Verlauf des Krieges an vielen Gräueltaten gegen die christliche Bevölkerung beteiligt gewesen, u. a. in den Städten Maalula und Sadad. Aufgrund der komplexen Verflechtungen zwischen verschiedenen Rebellengruppen waren aber auch sogenannte „moderate“ Milizen darin verwickelt (ob nun bewusst oder unbewusst, sei dahingestellt). Um die Rückeroberung von Sadad durch Assads Truppen zu verhindern, kämpfte z. B. die oppositionelle Freie Syrische Armee (FSA) im Jahr 2013 an der Seite der al-Nusra-Rebellen, die Kriegsverbrechen gegen die christliche Bevölkerung beging. Im weiteren Verlauf des Krieges bemühten sich verschiedene Milizen, darunter auch die FSA, jedoch darum, sich von al-Nusra und der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) zu distanzieren.[10]

Von vielen Angehörigen religiöser Minderheiten, die von IS-Kämpfern gefangen genommen wurden, fehlt immer noch jede Spur; dazu gehören auch 25 Christen. Die Befreiung von IS-kontrollierten Gebieten im Jahr 2017 brachte ans Licht, dass auch einige führende christliche Würdenträger Syriens weiterhin vermisst werden, u. a. der italienische Jesuitenpater Paolo Dall’Oglio, der syrisch-orthodoxe Erzbischof von Aleppo Mar Gregorios Yohanna Ibrahim, der griechisch-orthodoxe Erzbischof von Aleppo Paul Yazigi, der armenisch-katholische Priester Michel Kayyal, sowie der griechisch-orthodoxe Priester Maher Mahfouz.[11]

Im Oktober 2017 überfiel der IS in Hama einen voll besetzten Reisebus mit Drusen, die auf dem Weg von Damaskus nach Idlib waren, und nahm zunächst alle 50 Insassen als Geiseln. Kurz darauf wurden die Geiseln wieder freigelassen – bis auf zwei Personen, die wahrscheinlich ermordet wurden.[12]

Am 1. Oktober 2017 eroberten IS-Kämpfer die Stadt al-Qaryatain (Gouvernement Homs) zurück. In den darauffolgenden drei Wochen bis zur Befreiung der Stadt durch syrische Regierungstruppen richteten die Extremisten 116 Menschen hin.[13]In al-Qaryatain waren einmal 2.000 Christen beheimatet. Als der IS die Stadt erstmals im August 2015 einnahm, lebten hier nur noch wenige Hundert Christen – viele hatten vor der befürchteten Ankunft der Extremisten die Flucht ergriffen. Bei der ersten Besetzung nahm der IS 200 Christen solange in Geiselhaft, bis sie einwilligten, die Dschizya zu bezahlen (eine islamische Steuer, die Nicht-Muslimen auferlegt wird); danach sollten sie angeblich in der Stadt bleiben dürfen.[14]

Im Mai 2017 griffen IS-Kämpfer die überwiegend von Ismailiten bewohnten Dörfer Aqarib al-Safiyah und al-Manboujah im Gouvernement Hama an und töteten 52 Menschen.[15]

Im Jahr 2017 eroberte die syrische Regierung mit der Unterstützung ihrer russischen und iranischen Verbündeten grosse Teile der Gebiete zurück, die bis dahin von der Opposition kontrolliert worden waren. In der Folge ging die Zahl der Verletzungen der Religionsfreiheit zurück.

Im Allgemeinen lässt sich jedoch sagen, dass alle bewaffneten Gruppen im Verlauf des Krieges Menschenrechtsverletzungen in den jeweils von ihnen kontrollierten Gebieten begangen haben. Im Jahr 2015 zwang beispielsweise die al-Nusra-Front (die zu dem Zeitpunkt noch al-Qaida angehörte), die kleine drusische Gemeinschaft in einer Gegend, die vorher der IS belagert hatte, zur Konversion zum sunnitischen Islam. Auch im Jahr 2017 waren die Drusen dort noch nicht wieder in der Lage, ihre eigene Religion frei auszuüben oder ihre Tradition zu pflegen.[16]

Ein Bündnis vorwiegend britischer Wohltätigkeitsorganisationen, die im Irak und in Syrien tätig sind, hat im Januar 2017 einen Bericht veröffentlicht, dem zufolge es entscheidend ist, dass Christen und andere Minderheiten Unterstützung in politischen und Sicherheitsbelangen erhalten; nur so könnten sie in ihre Heimat zurückkehren, ihre Gemeinschaften wiederaufbauen und Versöhnungsprozesse in Gang setzen.[17] In einem Interview mit der ungarischen Nachrichtenagentur BosNewsLife appellierte das Oberhaupt der Syrisch-katholischen Kirche, Patriarch Ignatius Ephrem Joseph III. Younan, an den Westen und die Vereinten Nationen, unverzüglich sämtliche Sanktionen gegen sein Land aufzuheben und jegliche Unterstützung für die Rebellen einzustellen: „Ich hoffe immer noch, dass die westlichen Länder, d. h. die westlichen Politiker, sich dazu bereit erklären, die Finanzierung und Bewaffnung der sogenannten Rebellen zu stoppen, denn anderenfalls wird der Religionskrieg kein Ende nehmen.“[18]

Im März 2017 verübte Hai’at Tahrir asch-Scham (ehemals al-Nusra-Front) einen doppelten Sprengstoffanschlag auf dem Parkplatzgelände des Bab al-Saghir-Friedhofs, der eine wichtige Pilgerstätte für Schiiten ist. 44 Menschen wurden getötet, 120 weitere verletzt; die meisten Opfer waren schiitische Pilger.[19]

Des Weiteren haben Rebellengruppen Menschen entführt, um Lösegeld zu erpressen oder einen Gefangenenaustausch mit der Regierung oder anderen bewaffneten Gruppen zu erzwingen. Bis September 2017 wurden an die 100 Männer aus dem damaszenischen Vorort Adra al-Omaliyah – alle von ihnen Angehörige religiöser Minderheiten – immer noch als Geiseln festgehalten.[20]

In kurdisch kontrollierten Gebieten (de facto sind dies ca. 30% des Nordostens Syriens) haben sich Minderheitsgemeinschaften über Menschenrechtsverletzungen beklagt. Laut Assyrian Monitor for Human Rights (AMHR; Assyrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte) berichteten nichtkurdische Gemeinschaften von einem erzwungenen demografischen Wandel in der Gegend: Armenische und assyrische Christen sowie sunnitische Araber würden vertrieben, um den Kurden Platz zu machen; darüber hinaus werde der Bevölkerung mancherorts die kurdische Sprache und Kultur aufgezwungen. Im Gouvernement al-Hasaka werde zunehmend Druck auf christliche Privatschulen ausgeübt, ihren Lehrplan anzupassen, wenn sie eine Schliessung vermeiden wollen. Sie sollen die kurdische Sprache unterrichten, kurdische Lehrer einstellen und den Schülern die Ideen Abdullah Öcalans nahebringen. Letzterer ist der seit Langem inhaftierte Vorsitzende der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), die von den USA als Terrororganisation eingestuft wird.[21]

Im September 2016 wurden die sogenannten kurdischen Volksschutzeinheiten (YPG) beschuldigt, mit Gewalt und Einschüchterungsmassnahmen gegen Christen in al-Hasaka vorzugehen. Der syrisch-katholische Erzbischof von Hassaké-Nisibi, Jacques Behnan Hindo, sagte gegenüber der katholischen Nachrichtenagentur Agenzia Fides, dass die Kurden seiner Meinung nach beabsichtigten, die Christen zu vertreiben, und führte mehrere konkrete Beispiele an. Er sagte: „Das Epizentrum ihrer Überfälle und Gewalttaten ist immer das Stadtviertel, in dem sich die sechs christlichen Kirchen befinden, und wo die meisten Christen leben. In vielen Fällen haben sie die Christen mit Kalaschnikows bedroht und aus ihren Häusern vertrieben. Und wenn sie sich einmal Zugang verschafft haben, plündern sie alles.“[22]

Vertreter christlicher Gemeinschaften haben auch von Fällen berichtet, in denen die kurdischen Behörden Häuser beschlagnahmten, die im Zuge der Kampfhandlungen von ihren Bewohnern verlassen worden waren. Im Jahr 2017 erging eine Anordnung, dass derartige Wohnungen von Christen in der Stadt Tabqa (Gouvernement ar-Raqqa) an kurdische Familien übergeben werden sollten, sofern ihre Bewohner bisher nicht zurückgekehrt waren. Darüber hinaus haben Christen und sunnitische Muslime dem kurdisch dominierten Militärbündnis Demokratische Kräfte Syriens (QSD) vorgeworfen, mit den kurdischen Behörden zusammenzuarbeiten, um die nichtkurdische Bevölkerung auszugrenzen, zu diskriminieren und gelegentlich sogar anzugreifen.[23]

Im Dezember 2017 veröffentlichte das Nachrichtenportal World Watch Monitor einen Artikel über christliche Familien, die fünf Jahre nach ihrer Flucht aus Syrien in die Stadt Homs zurückgekehrt sind und denen es gelungen ist, ihre Häuser wiederaufzubauen.[24] Doch viele andere Christen haben „kaum Anreize“ für eine Heimkehr; der Nahe Osten ist für sie „nicht länger ein Zuhause“.[25] In diesem Zusammenhang wurde auch die Notwendigkeit betont, einen „nationalen Rechenschaftsmechanismus“ zu schaffen, „mit dem das Vertrauen in ein System wiederhergestellt wird, das gewährleistet, dass alle religiösen und ethnischen Gemeinschaften als gleiche Bürger gelten und gleichermassen schutzwürdig sind, und parallel dazu negative Akteure von Handlungen abhält, die diese Gemeinschaften beeinträchtigen.“ [26]

Ein neues Gesetz, das Präsident Baschar al-Assad im April 2018 eingeführt hat, sieht vor, dass syrische Bürger privates Grundeigentum binnen 30 Tagen beim Ministerium für kommunale Verwaltung registrieren müssen. Dadurch hat die Regierung die Möglichkeit, das Eigentum vertriebener Syrer zu beschlagnahmen. Insofern könnte man das Gesetz als Teil eines Plans betrachten, mit dem eine Veränderung der Demografie des Landes angestrebt wird, indem Schiiten aus Syrien, dem Libanon und dem Irak in vormals sunnitischen Gebieten angesiedelt werden. Auch könnte man mutmassen, dass die Regierung und ihre Verbündeten damit ein strategisches Interesse weiterverfolgen, nämlich schiitische Gebiete zu schaffen, die ihrem unmittelbaren Einflussbereich unterstehen.[27]

Von Januar bis März 2018 wurden die christlichen Stadtviertel in Damaskus aus dem von Rebellen besetzten Ost-Ghuta beschossen. In Kirchenkreisen wurde die Vermutung geäussert, dass es sich – ähnlich wie bei den wiederholten Bombardements des Christenviertels von Aleppo – um gezielte Anschläge handelte. Der maronitische Erzbischof von Damaskus, Samir Nassar, kam beinahe ums Leben, als ein Geschoss in seinem Schlafzimmer im Gebäudekomplex der Kathedrale einschlug. Er überlebte nur, weil er kurz vor der Explosion aufgestanden war, um das Badezimmer aufzusuchen. In Bab Touma wurde der Sitz des melkitischen Patriarchats auf der Via Recta („Gerade Strasse“), die bereits in der Apostelgeschichte erwähnt wird, getroffen. Auch auf dem Gelände des Klosters der Kongregation von Jesus und Maria schlugen wiederholt Granaten ein.[28] Christen haben in diesem Zusammenhang kritisiert, dass die Verluste auf ihrer Seite von westlichen Medien und anderen Organisationen häufig verharmlost würden. In einem Brief, den das Oberhaupt der Syrisch-orthodoxen Kirche, Patriarch Ignatius Aphrem II., am 2. März 2018 an den Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) richtete, heisst es:

„Sie erwähnen 550 Todesopfer in Ost-Ghuta […] Doch Sie unterlassen es, die Hunderte von Zivilisten – darunter viele Kinder – zu erwähnen, die von den Granaten und Geschossen getötet werden, die aus Ost-Ghuta kommen und noch dazu in den meisten Fällen gezielt auf Gebiete gerichtet werden, die von Christen bewohnt sind, die Kirchen angehören, die Mitglieder des ÖRK sind […] Aus Ihrer Stellungnahme geht klar hervor, dass Sie eine parteiische Position beziehen, was die Geschehnisse in Syrien im Allgemeinen und in Damaskus im Besonderen betrifft.“

Perspektiven für die Religionsfreiheit

Ganz generell ist es bei einem Konfessionskrieg nicht immer eindeutig, ob Verletzungen der Religionsfreiheit einzelner Menschen oder ganzer Gemeinschaften ausschliesslich oder hauptsächlich von dem Hass der Täter auf eine bestimmte Religion motiviert sind. Im Fall Syriens bestehen ethnisch-religiöse Trennlinien bereits seit Jahrhunderten. Hier mögen politische Aspekte eine ebenso grosse Rolle spielen wie religiöse Faktoren. In den meisten Fällen gehen sie jedoch Hand in Hand, da sich Religionszugehörigkeit und politische Zugehörigkeit in der Regel überschneiden.

In Syrien zeichnen zwei Hauptgruppen von Akteuren für die Verletzungen der Religionsfreiheit verantwortlich. Bei der ersten handelt es sich um die Regierung von Präsident Assad und ihre militärischen Verbündeten (wie z. B. die schiitische Hisbollah-Miliz im Libanon oder schiitische Freiwillige aus dem Irak und dem Iran). Sie kämpfen gemeinsam gegen eine wahrgenommene terroristische Bedrohung sowie den Aufstand der sunnitischen Dschihadisten gegen die Regierung und den syrischen Staat. Einigen Berichten zufolge nehmen die Regierungsstreitkräfte bewusst Gegenden mit überwiegend sunnitischer Bevölkerung ins Visier.

Bei der zweiten Gruppe handelt es sich um nichtstaatliche Akteure, die de facto staatenähnliche Einflussbereiche etabliert haben. Hier können zwei Untergruppen unterschieden werden:

Zu der ersten gehören sunnitische Dschihadisten wie der IS oder die al-Nusra-Front. Auch die Milizen der sogenannten moderaten Opposition sind in vielen Fällen von der sunnitischen Ideologie getrieben und verfolgen ihre religiöse Vision für die Zukunft des Landes – in der Regel gehen sie dabei jedoch weniger extremistisch vor als der IS oder al-Nusra. Allerdings kommt es häufig zu taktischen Kooperationen der „Moderaten“ mit den Dschihadisten – selbst wenn dies bedeutet, dass Erstere damit stillschweigend zulassen, dass Akte des Völkermords an religiösen Minderheiten begangen werden.[29] Der IS und die al-Nusra-Front haben sich in den von ihnen kontrollierten Gebieten gravierender Verbrechen gegen die Religionsfreiheit von Christen, Drusen und Sunniten schuldig gemacht. Sie haben aber auch Terroranschläge auf Schiiten und Alawiten verübt. Das erfolgreiche Zurückdrängen des IS und anderer Extremisten in vielen Landesteilen hat bewirkt, dass den eklatantesten Verletzungen der Religionsfreiheit durch hyperextremistische Gruppen ein Ende bereitet werden konnte – Verbrechen, die man nur als Genozid an religiösen Minderheiten bezeichnen kann.

Die zweite Untergruppe bilden die überwiegend kurdischen Milizen in Nordsyrien. Sie kontrollieren Gebiete, in denen es zahlreiche alte christliche Siedlungen gibt, wie z. B. die Region um den Fluss Chabur.

Da der Syrien-Konflikt mittlerweile ins achte Jahr geht und keine politische Lösung in Sicht ist, kann man davon ausgehen, dass die humanitäre Krise und die Situation der Religionsfreiheit sich so bald nicht bessern werden. Angesichts der auf allen Seiten begangenen Gräueltaten dürfte es sich ausserdem schwierig gestalten, dass die unterschiedlichen Gemeinschaften wieder friedlich Seite an Seite leben, wenn der Krieg einmal zu Ende ist.

Im Juni 2018 erschien auf World Watch Monitor ein Artikel mit dem Titel (in deutscher Übersetzung) „70.000 syrische Armenier sind während des Krieges geflohen, und nur wenige werden zurückkehren“, der uns Aufschluss über eine Realität gibt, der sich viele religiöse Minderheiten stellen müssen, die Syrien einmal ihre Heimat nannten.[30]

„Ganz generell ist es bei einem Konfessionskrieg nicht immer eindeutig, ob Verletzungen der Religionsfreiheit einzelner Menschen oder ganzer Gemeinschaften ausschliesslich oder hauptsächlich von dem Hass der Täter auf eine bestimmte Religion motiviert sind. Im Fall Syriens bestehen ethnisch-religiöse Trennlinien bereits seit Jahrhunderten. Hier mögen politische Aspekte eine ebenso grosse Rolle spielen wie religiöse Faktoren.“

 

Endnoten / Quellen

[1] “Syria death toll: UN envoy estimates 400,000 killed”, Al Jazeera, 23. April 2016, https://www.aljazeera.com/news/2016/04/staffan-de-mistura-400000-killed-syria-civil-war-160423055735629.html (abgerufen am 13. Juli 2018).

[2] “Syria”, Internal Displacement Monitoring Center, http://internal-displacement.org/countries/syria, (abgerufen am 11. Juli 2018); “Syria Population (LIVE)”, WorldOMeters, http://www.worldometers.info/world-population/syria-population/ (abgerufen am 11. Juli 2018).

[3] Reuters, ‘Alawites: A secretive and persecuted sect’, 31. Januar 2012, https://www.reuters.com/article/us-syria-alawites-sect/syrias-alawites-a-secretive-and-persecuted-sect-idUSTRE80U1HK20120131 (abgerufen am 23. Juli 2018)

[4] Syrian Arab Republic’s Constitution of 2012, constituteproject.org, https://www.constituteproject.org/constitution/Syria_2012.pdf?lang=en (abgerufen am 16. Juli 2018).

[5] Bureau of Democracy, Human Rights, and Labor, “Syria”, Report on International Religious Freedom for 2017, U.S. Department of State, https://www.state.gov/j/drl/rls/irf/2017/nea/281006.htm (abgerufen am 10. Juli 2018).

[6] Code pénal syrien en application de la loi n°148 de 1949 (en français), Institut d’étude sur le droit et la justice dans les sociétés arabes, https://iedja.org/ressources/par-pays/syrie/ (abgerufen am 10. Juli 2018).

[7] Bureau of Democracy, Human Rights, and Labor, op. cit.

[8] “Syria”, 2018 Annual Report, United States Commission on International Religious Freedom, http://www.uscirf.gov/sites/default/files/2018USCIRFAR.pdf (abgerufen am 10. Juli 2018).

[9] Ibid.

[10] Siehe z. B. “Frustration drives Arsal’s FSA into ISIS ranks,” Daily Star (Lebanon), 8. September 2014, http://www.dailystar.com.lb/News/Lebanon-News/2014/Sep-08/269883-frustration-drives-arsals-fsa-into-isis-ranks.ashx (abgerufen am 19. Juli 2018)

[11] “Four years later, family reports ’silence‘ on kidnapped priest in Syria”, Crux Now, 30. Juli 2017, https://cruxnow.com/global-church/2017/07/30/four-years-later-family-reports-silence-kidnapped-priest-syria/ (abgerufen am 14. Juli 2018).

[12] “Syria”, 2018 Annual Report, op. cit.

[13] “IS recaptures ‘symbol of interfaith coexistence’ Syrian town”, World Watch Monitor, 6. Oktober 2017, https://www.worldwatchmonitor.org/2017/10/syria-islamic-state-retakes-christian-enclave/ (abgerufen am 11. Juli 2018); “Syria”, 2018 Annual Report, op. cit.

[14] “Syria”, 2018 Annual Report, op. cit.

[15] Ibid.

[16] “Hay’at Tahrir al-Sham (Formerly Jabhat al-Nusra)”, Mapping Militant Organizations, Stanford University, http://web.stanford.edu/group/mappingmilitants/cgi-bin/groups/view/493?highlight=Al+Nusrah+front (abgerufen am 16. Juli 2018); “Syria: Situation of the Druze, including whether they are perceived to be loyal to President Assad by the insurgent groups; treatment by the authorities and the insurgent groups (January 2015-November 2015)”, 25. November 2015, Research Directorate, Immigration and Refugee Board of Canada, https://irb-cisr.gc.ca/en/country-information/rir/Pages/index.aspx?doc=456249 (abgerufen am 16. Juli 2018).

[17] “Christians ‘excluded’ from Iraq’s reconstruction plans”, World Watch Monitor, 27. Januar 2017, https://www.worldwatchmonitor.org/2017/01/christians-excluded-from-iraqs-reconstruction-plans/ (abgerufen am 11. Juli 2018).

[18] Stefan J. Bos, “Syria’s Catholic Leader Urges End To Western Sanctions”, Bos News Life, 13. Januar 2017, http://www.bosnewslife.com/37393-syrias-catholic-leader-urges-end-to-western-sanctions (abgerufen am 13. Juli 2018).

[19] “Syria”, 2018 Annual Report, op. cit.

[20] Ibid.

[21] Ibid.

[22] “Archbishop Hindo: violence and intimidation of the Kurd militias on Christians increase in Hassaké”, Agenzia Fides, 20. September 2016, www.fides.org/en/news/60791 (abgerufen am 19. Juli 2018).

[23] “Syria”, 2018 Annual Report, op. cit.

[24] “Syria: Homs Christians return to rebuild homes and lives”, World Watch Monitor, 5. Dezember 2017, https://www.worldwatchmonitor.org/2017/12/syria-homs-christians-return-rebuild-homes-lives/ (abgerufen am 13. Juli 2018).

[25] “Security not only concern for Syrians returning home”, World Watch Monitor, 4. Juli 2017, https://www.worldwatchmonitor.org/2017/07/security-not-concern-syrians-returning-home/ (abgerufen am 13. Juli 2018).

[26] “National Accountability Mechanism for Iraq and Syria – Proposal for EU parliament”, World Watch Monitor – Policy Paper, Juni 2017, https://www.worldwatchmonitor.org/wp-content/uploads/2017/06/National-Accountability-Mechanism-for-Iraq-and-Syria-Position-Paper-EU-Parliament.-FINAL.pdf (abgerufen am 12. Juli 2018).

[27] Martin Chulov, “Iran repopulates Syria with Shia Muslims to help tighten regime’s control”, The Guardian, 14. Januar 2017, https://www.theguardian.com/world/2017/jan/13/irans-syria-project-pushing-population-shifts-to-increase-influence (abgerufen am 11. Juli 2018).

[28] John Newton, “Bishop miraculously avoids death – as bomb lands in his bedroom”, ACN News, 12. Januar 2018 https://acnuk.org/news/syria-bishop-miraculously-avoids-death-as-bomb-lands-in-his-bedroom/ ; John Pontifex, “When the sky turned black with bombs”, ACN News, 21. Februar 2018, https://acnuk.org/news/syria-when-the-sky-turned-black-with-bombs/ (abgerufen am 19. Juli 2018).

[29] Wie von John Pontifex und John Newton angeführt, kämpfte z. B. die Freie Syrische Armee (FSA) „an der Seite von al-Nusra, um zu verhindern, dass Sadad zurückerobert wurde, während die Dschihadistengruppe zur selben Zeit Kriegsverbrechen gegen die christliche Stadtbevölkerung beging.“ Aid to the Church in Need, Persecuted and Forgotten? Ausgabe 2015-17, https://acnuk.org/pfsyria/ (abgerufen am 18. Juli 2018)

[30] Zara Sarvarian, “70,000 Syrian Armenians have fled during the war, and few will return”, World Watch Monitor, 27. Juni 2018, https://www.worldwatchmonitor.org/2018/06/70000-syrian-armenians-have-fled-during-the-war-and-few-will-return/ (abgerufen am 11. Juli 2018).

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