Religion

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Gesetzeslage zur Religionsfreiheit und deren faktische Anwendung

In Artikel 1 der senegalesischen Verfassung ist die Trennung zwischen Staat und religiösen Organisationen klar geregelt. [1] Artikel 24 gewährt den Glaubensgemeinschaften Religionsfreiheit und das Recht, sich selbst zu verwalten und zu organisieren. [2]

Die vorherrschende Religion ist der Islam. [3] Die meisten Muslime gehören Sufi-Bruderschaften an, die besonders im Norden des Landes zu finden sind, während die meisten Christen, vor allem Katholiken, im Südwesten leben. (Zur Zeit der französischen Kolonialherrschaft im 19. Jahrhundert hat sich die katholische Missionstätigkeit auf die Regionen beschränkt, in denen der Islam noch nicht verbreitet war. Bei der Missionierung wurde darauf geachtet, den sozialen Frieden zu wahren.) [4] Es gibt auch eine kleine Zahl Protestanten im Land. Viele Muslime und Christen vermischen ihre religiösen Bräuche mit traditionellen afrikanischen Riten. Die meisten Anhänger traditioneller afrikanischer Religionen sind im Südosten des Senegal zu finden. [5]

Das Alltagsleben im Senegal ist vom Geist der Toleranz geprägt. In familienrechtlichen Angelegenheiten haben die Muslime das Recht, zwischen der Scharia und dem Zivilrecht zu wählen. Konvertierungen sind möglich und werden akzeptiert. [6] Alle religiösen Gemeinschaften müssen sich behördlich registrieren lassen, um als Organisation die staatliche Anerkennung zu erhalten. Die erfolgte Registrierung ist die Voraussetzung dafür, dass eine Organisation Geschäfte tätigen, Bankkonten eröffnen, Eigentum besitzen, finanzielle Unterstützung von privater Seite erhalten und gewisse Steuervorteile nutzen kann. [7]

Im Bildungswesen bemüht sich der Staat um eine Gleichbehandlung der Glaubensgemeinschaften. In staatlichen Grundschulen werden pro Woche bis zu vier Stunden Religionsunterricht auf freiwilliger Basis angeboten. Eltern können sich für den muslimischen oder den christlichen Unterricht entscheiden. [8] Darüber hinaus gibt es von religiösen Organisationen geführte Schulen, die staatliche Unterstützung erhalten, wenn sie die Bildungsstandards erfüllen. Christliche Schulen werden in der Mehrheit von Muslimen besucht. [9]

Im Jahr 2016 hat der senegalesische Staat die für Muslime obligatorische Pilgerfahrt nach Mekka mit 1.500 kostenlosen Flugtickets unterstützt. Katholische Pilgerreisen nach Rom und Israel wurden ebenfalls gefördert. [10]

Das Innenministerium und das Aussenministerium verlangen von heimischen und ausländischen religiösen Gemeinschaften die Vorlage eines jährlichen Tätigkeitsberichts und die Offenlegung der Finanztransaktionen. Dahinter steckt die Absicht, die Finanzierung möglicher terroristischer Aktivitäten zu einem möglichst frühen Zeitpunkt aufzudecken. Im Berichtszeitraum sind keine rechtswidrigen Aktivitäten in dieser Richtung bekannt geworden. [11]

Vorkommnisse

Die Christen sind im Senegal eine respektierte Minderheit. Christliche und muslimische Feiertage werden häufig von Angehörigen beider Glaubensrichtungen gemeinsam begangen. André Gueye, Katholischer Bischof von Thiès, erklärt: „Wie leben in Freundschaft und Eintracht. Klar, manchmal haben wir auch Probleme mit den Muslimen – es ist wie bei einem Ehepaar. Aber wir versuchen, sie im Dialog zu lösen.“ [12] Der Islamwissenschaftler Thomas Volk, der das Büro der Konrad-Adenauer- Stiftung im Senegal leitet, sieht die Situation ähnlich. Er meint: „Bisher funktioniert das Zusammenleben der Religionsgruppen. Der Senegal ist ein vorbildliches Beispiel für gelingenden interreligiösen Dialog.“ [13]

Trotz des Klimas der Toleranz, das in dem afrikanischen Land vorherrscht, gibt es seit mehreren Jahren immer wieder Zwischenfälle mit religiösem Hintergrund. So haben Unbekannte Anfang Februar 2018 einen Anschlag auf einen Kirchenkomplex in Guédiawaye verübt. [14] Dabei wurde eine Marienstatue zerstört. Beim Gottesdienst am darauf folgenden Sonntag musste der Priester die verärgerten Gottesdienstbesucher beruhigen und warnte vor Vergeltungstaten. Im Fernsehen wurde eine Erklärung des Innenministers verlesen, der den Einbruch in die Kirche als eine „Störung des sozialen Friedens“ und einen „Angriff auf die Religionsfreiheit“ bezeichnete. Das senegalesische Militär und die Polizei haben zusätzliche Kräfte rekrutiert, um einen besseren Schutz gegen islamistische Terrorangriffe leisten zu können. [15]

Die überwiegende Mehrheit der gläubigen Senegalesen gehört einer der vier grossen Sufi-Bruderschaften an. Diese stehen für einen friedfertigen Islam und machen sich traditionell für das Gemeinwohl stark. Eine der Bruderschaften organisiert zum Beispiel das Busverkehrsnetz in Dakar. Die Sufi-Bruderschaften gelten als Garant für den Zusammenhalt in der Gesellschaft und als Puffer gegen Extremismus. [16]

In den letzten Jahren hat die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) Anschläge auf mehrere Anhänger des Sufismus verübt. Zudem gibt es zunehmende Anzeichen dafür, dass allmählich eine strengere Auslegung des Islam im Senegal Fuss fasst. Zum Beispiel sieht man inzwischen häufiger Frauen mit Vollverschleierung auf den Strassen. „Senegalesische Muslime sind unter Druck von Saudi-Arabien“, erklärt Thomas Volk. [17] Saudi-Arabien baut Moscheen, gewährt jungen Senegalesen Stipendien und entsendet Imame in das Land. Auch der Iran tritt im Land selbstbewusst auf und hat kürzlich in Dakar eine kleine Universität eröffnet. Thomas Volk erklärt: „Die Stellvertreter-Auseinandersetzung zwischen dem schiitischen Iran und dem sunnitischen Saudi-Arabien sehen wir oft. Wir haben aber weniger auf dem Schirm, dass sie auch in Afrika stattfinden kann.“

Im Berichtszeitraum machten Nichtregierungsorganisationen (NGOs) auf Missbrauchsfälle aufmerksam, die in traditionellen Koranschulen, den sogenannten Daaras, aufgetreten sein sollen. [18] Wie berichtet wurde, wurden Kinder an diesen Schulen Opfer von körperlicher und sexueller Gewalt. Ausserdem sollen Kinder zum Betteln gezwungen worden sein. Die NGOs forderten die Regierung auf, die Koranschulen besser zu kontrollieren und die Täter strafrechtlich zu verfolgen. Im Juli 2016 begann der Staat mit der Umsetzung eines Gesetzes von 2005, welches das Betteln von Kindern verbietet, das im Senegal ein weit verbreitetes Phänomen ist. [19]

Perspektiven für die Religionsfreiheit

Extremistische Strömungen gibt es im Senegal seit den 1950er-Jahren, als strengere Auslegungsformen des Islam, beeinflusst durch Saudi-Arabien, im Land Verbreitung fanden. [20]

Obwohl Wahhabiten und Salafisten mit den traditionellen Sufi-Bruderschaften bislang friedlich zusammengelebt haben, nimmt jetzt die Angst vor radikalen Kräften aus dem Ausland ganz offensichtlich zu. Auch wenn es bislang nicht zu grösseren Gewalttaten kam, werden die Anschläge auf christliche Einrichtungen und Symbole von manchen als beunruhigendes Zeichen einer Radikalisierung unter den Muslimen verstanden. [21]

Die tatsächlichen Gegebenheiten scheinen die Sorge zumindest teilweise zu rechtfertigen. Beobachtern zufolge entscheiden sich immer mehr junge Senegalesen für die Koranschule oder für die arabische Universität. [22] Damit verschlechtern sie ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt, wo Französischkenntnisse oftmals eine wichtige Voraussetzung sind. [23] Seit einigen Jahren ist zu beobachten, dass sich immer mehr junge Leute den traditionellen Sufi-Bruderschaften entziehen. Stattdessen fühlen sie sich zu den Islamisten hingezogen, die ihnen ebenfalls ein soziales Netzwerk bieten.

Viele behaupten, dass die religiöse Radikalisierung junger Senegalesen mit der zunehmenden Armut im Land zusammenhänge. [24] Sie treibe die jungen Menschen nicht nur in die Klauen radikaler Kräfte, sondern auch in die Flucht nach Europa. Was die Zahl der Flüchtlinge anbelangt, liegt Senegal unter den Ländern südlich der Sahara auf Platz vier und unter den westafrikanischen Ländern auf Platz eins. Amtlichen Schätzungen zufolge haben allein im Jahr 2011 mehr als 400.000 Senegalesen das Land verlassen. Wenn man die nicht erfassten Flüchtlinge hinzuzählt, sind es möglicherweise doppelt oder dreimal so viele. [25] Das Land befindet sich in einem Teufelskreis. Die Tatsache, dass zahlreiche junge, oftmals gut ausgebildete Arbeitskräfte das Land verlassen, schwächt die traditionell moderaten muslimischen und christlichen Glaubensgemeinschaften. So werden sie anfälliger für das Eindringen radikaler und gewaltbereiter Kräfte, was wiederum noch mehr Menschen bewegt, das Land zu verlassen.

Daher ist davon auszugehen, dass effektive Massnahmen zur Armutsbekämpfung und zur Verbesserung der Zukunftsaussichten auch zur Eindämmung der Gefahren des Dschihadismus in Westafrika beitragen können. Es ist dringend erforderlich, die Korruption und Vetternwirtschaft in Behörden und staatlichen Stellen zu bekämpfen. Auch muss die Infrastruktur ausgebaut werden. Nicht zuletzt muss das Land veraltete wirtschaftliche Strukturen überwinden, die zu einem grossen Teil noch aus der Kolonialzeit herrühren, wie beispielsweise die Konzentration auf den Erdnussanbau, der häufig mit Umweltbelastungen und mit einer grossen Abhängigkeit vom Weltmarkt einhergeht. [26]

Von besonderer Bedeutung wäre auch eine erfolgreiche Bekämpfung des Dschihadismus in den Nachbarstaaten des Senegal, insbesondere im direkten Nachbarland Mali. In Anbetracht der Gewalt, die von den Terrorgruppen Al-Qaida und IS in Mali ausgeht, steigt auch im Senegal die Gefahr extremistischer Anschläge. Viele Senegalesen betrachten es mit grosser Sorge, dass radikalisierte junge Landsleute sich in Libyen dem IS anschliessen. [27] Im Januar 2017 gab es beschwichtigende Nachrichten aus Gambia, einem Land, das fast vollständig vom Senegal umgeben ist. Der neu gewählte gambische Präsident Adama Barrow hob eine Entscheidung seines Vorgängers, des langjährigen Diktators Yahya Jammeh, auf, der Gambia (nach Mauretanien als zweites afrikanisches Land) 2015 zu einer Islamischen Republik erklärt hatte. [28] Zuvor war die ehemalige britische Kolonie ein säkularer Staat gewesen. [29]

„Extremistische Strömungen gibt es im Senegal seit den 1950er-Jahren, als strengere Auslegungsformen des Islam, beeinflusst durch Saudi-Arabien, im Land Verbreitung fanden. Obwohl Wahhabiten und Salafisten mit den traditionellen Sufi-Bruderschaften bislang friedlich zusammengelebt haben, nimmt jetzt die Angst vor radikalen Kräften aus dem Ausland ganz offensichtlich zu. Anschläge auf christliche Einrichtungen und Symbole werden von manchen als beunruhigendes Zeichen einer Radikalisierung unter den Muslimen verstanden.“

Endnoten / Quellen

[1] Verfassung der Republik Senegal 2001 (in der Fassung von 2009) englische Fassung,
https://www.constituteproject.org/constitution/Senegal_2009?lang=en (abgerufen am 30. März 2018).

[2] Ibid.

[3] Stelle für Demokratie, Menschenrechte und Arbeit, Bericht zur Internationalen Religionsfreiheit 2016 – Senegal, US-Außenministerium, https://www.state.gov/j/drl/rls/irf/religiousfreedom/index.htm#wrapper (abgerufen am 30. März 2018).

[4] Köhrer, Ellen: Im Senegal hat Liebe keine Religion, evangelisch.de, 8. Dezember 2011,
https://www.evangelisch.de/inhalte/107092/08-12-2011/im-senegal-hat-liebe-keine-religion (abgerufen am 31. März 2018).

[5] Stelle für Demokratie, Menschenrechte und Arbeit, Bericht zur Internationalen Religionsfreiheit 2016 – Senegal, loc. cit.

[6] Köhrer, Ellen, loc. cit.

[7] Ibid.

[8] Ibid.

[9] Ibid.

[10] Ibid.

[11] Ibid.

[12] Katholische Nachrichtenagentur, KNA, zitiert in Islamische Zeitung, 4. Januar 2018, https://www.islamische-zeitung.de/senegal-ist-ein-vorbildliches-beispiel/ (abgerufen am 30. März 2018).

[13] Ibid.

[14] „Senegal: Angriff auf Kirche“, Vatican News, 6. Februar 2018, https://www.vaticannews.va/de/kirche/news/2018-02/senegal-islam-christentum-kirche-angriff.html (abgerufen am 30. März 2018).

[15] Katholische Nachrichtenagentur, KNA, loc. cit.

[16] Ibid.

[17] Ibid.

[18] Stelle für Demokratie, Menschenrechte und Arbeit, Bericht zur Internationalen Religionsfreiheit 2016 – Senegal, loc. cit.

[19] Ibid.

[20] Harjes, Christine: Wie stabil ist Senegals moderater Islam?, Deutsche Welle, 29. Januar 2016, http://www.dw.com/de/wie-stabil-ist-senegals-moderater-islam/a-19012653 (abgerufen am 30. März 2018).

[21] Ibid.

[22] Ibid.

[23] Ibid.

[24] Ibid.

[25] „Caritas Senegal: ‚Let us give back hope to young people; migration is not the only way for the future‘“, agenzia fides, 15. Januar 2018, http://www.fides.org/en/news/63564-
AFRICA_SENEGAL_Caritas_Senegal_Let_us_give_back_hope_to_young_people_migration_is_not_the_only_way_for_the_future (abgerufen am 30. März 2018).

[26] Cf. Holzer, Birgit: Der Senegal will seinen Aufstieg anpacken, Hannoversche Allgemeine Zeitung, 15. März 2018, http://www.haz.de/Nachrichten/Politik/Deutschland-Welt/Der-Senegal-will-seinen-Aufstieg-anpacken (abgerufen am 30. März 2018).

[27] Munzinger Archiv 2018, Munzinger Länder: Senegal. www.munziger.de/search/login (abgerufen am 30. März 2018).

[28] Sridharan, Vasudevan: „Adama Barrow removes ‘Islamic’ from The Gambia's official name“, International Business times UK, 30. Januar 2017, http://www.ibtimes.co.uk/adama-barrow-removes-islamic-gambias-official-name-1603686 (abgerufen am 30. März 2018) und Munzinger Archiv 2018, Munzinger Länder: Gambia. www.munziger.de/search/login
(abgerufen am 30. März 2018).

[29] Scheen, Thomas: Den Königshäusern vom Golf gefallen, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6. Januar 2016, http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/afrika/kopftuchzwang-in-gambia-den-koenigshaeusern-vom-golf-gefallen-14000515.html (abgerufen am 31. März 2018).

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