Religion

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homekeyboard_arrow_rightSierra Leone

Gesetzeslage zur Religionsfreiheit und deren faktische Anwendung

Artikel 24 der Verfassung von 1991 (in der geänderten Fassung) erkennt das Recht eines jeden Bürgers an, sich zu seiner Religion oder Weltanschauung zu bekennen, und diese allein oder in Gemeinschaft mit anderen und sowohl öffentlich als auch privat auszuüben, seinen Glauben zu verbreiten und seine Religion zu wechseln.[1]Niemand darf zudem gezwungen werden, einen Eid zu leisten, der der eigenen Religion oder den persönlichen Überzeugungen widerspricht. Glaubensgemeinschaften sind nicht verpflichtet, sich behördlich registrieren zu lassen, allerdings bietet eine Registrierung diverse Vorteile wie z. B. Steuererleichterungen.[2] Religionsunterricht ist in öffentlichen Schulen als Teil eines verbindlichen Standardlehrplans erlaubt. Dieser darf jedoch nicht konfessionell ausgerichtet sein, sondern muss auf ethischen Prinzipien des Christentums, des Islam, traditioneller afrikanischer Religionen und anderer Religionen weltweit gründen.[3] Religiöse Gemeinden können einen eigenen, für Schülerinnen und Schüler optionalen Lehrplan anbieten.

Die Beziehungen zwischen den verschiedenen Religionsgemeinschaften in Sierra Leone sind im Wesentlichen gut. Ehen zwischen Christen und Muslimen sind nichts Ungewöhnliches. In vielen Familien leben Anhänger verschiedener Religionen oder Konfessionen unter einem Dach.[4] Beachtenswert ist auch, dass viele Muslime und Christen sich an Praktiken traditioneller afrikanischer Kulte beteiligen. Unter den christlichen Glaubensgemeinschaften verzeichnen zurzeit die Protestantischen Kirchen den stärksten Mitgliederzuwachs. Die Katholische Kirche geniesst im Hinblick auf ihre missionarische Aufgabe alle Freiheiten. Der Inter-Religious Council of Sierra Leone (Interreligiöser Rat von Sierra Leone, IRC), der sich aus muslimischen und christlichen Vertretern zusammensetzt, leistet einen wichtigen Beitrag zum friedlichen Miteinander der verschiedenen Glaubensgemeinschaften.[5]

Vorkommnisse

Sowohl der IRC als auch das Office of National Security (Amt für nationale Sicherheit, ONS) in Sierra Leone haben im laufenden Berichtszeitraum wiederholt auf die Gefahren für den sozialen Zusammenhalt hingewiesen, die vom islamischen Extremismus sowie einigen christlicher Gruppen ausgingen.[6] Gefährdet seien insbesondere junge Menschen, die in Armut leben und anfälliger für extremistische Standpunkte sind. Die prekäre Lage Sierra Leones als eines der ärmsten Länder der Welt hatte sich durch die verheerende Ebolafieber-Epidemie, die in den Jahren 2014 und 2015 viele Menschenleben forderte, weiter verschlimmert.[7]

Das ONS bezeichnet den islamistischen Extremismus als nationales Sicherheitsrisiko, dessen Bekämpfung für die nationale Anti-Terror-Strategie von zentraler Bedeutung sei.[8] Zur Förderung der Toleranz und des Dialogs zwischen den Religionen wurden in Sierra Leone mehrere interreligiöse und interkonfessionelle Treffen organisiert.

So nahmen etwa am ONS-Workshop mit dem Titel „Terrorismus hat keinen Platz im Islam“ mehr als 200 Imame zusammen mit einheimischen und ausländischen islamischen Missionaren teil. Dabei wurde auch eine gemeinsame Strategie zur Bekämpfung des Terrorismus verabschiedet: Ihr Hauptziel ist es, zu zeigen, wie muslimische Führer in ihren Gemeinden gegen öffentliche Hassbotschaften gegen andere muslimische und nicht-muslimische Glaubensgemeinschaften vorgehen können.[9] Die Teilnehmer des Workshops verpflichteten sich ausserdem, die Botschaft der Toleranz und des friedlichen Zusammenlebens verschiedener Glaubensgemeinschaften im Rahmen einer sechsmonatigen Kampagne in Moscheen und auf islamischen Radiosendern zu verbreiten.

In einem Hirtenbrief vom 11. Juli 2017 riefen die katholischen Bischöfe von Sierra Leone mit Blick auf die für den 7. März 2018 angesetzten Parlamentswahlen die politischen Parteien und Kandidaten auf, „den Wahlprozess zu respektieren, den Frieden zu wahren, im Interesse des Volkes von Sierra Leone zu handeln und sich in dieser pluralistischen Wahl als Wettbewerber, nicht als Gegner zu sehen“.[10] Priester, Ordensleute und Laien wurden aufgerufen, „in ihren Predigten, Homilien, Zusammenkünften und in der Pastoral einen Geist der Einheit, Versöhnung, Toleranz und des Friedens zu fördern“.[11]

In Anspielung auf die Ebola-Epidemie betonten die Bischöfe: „Zur Erreichung eines höheren Ziels konnten wir unsere ethnischen, kulturellen und religiösen Differenzen überwinden. In kritischen Momenten unserer Geschichte haben wir immer wieder Haltung gezeigt. Dies sollten wir auch bei den anstehenden Wahlen 2018 tun, die das nächste Kapitel in der Geschichte unseres Landes aufschlagen werden.“[12]

Perspektiven für die Religionsfreiheit

Sierra Leone blieb bislang weitgehend von religiös motivierter Gewalt verschont. Durch den erneuten Anstieg der Armut infolge der Ebola-Epidemie ist das Land jedoch besonders anfällig für gewalttätigen Extremismus. Hinzu kommen das Erbe des Bürgerkriegs von 1991-2002 und zahlreiche (oft menschengemachte) Naturkatastrophen, denen die Menschen im Land meist schutzlos ausgeliefert sind. So wurde etwa die Hauptstadt Freetown am 13. August 2017 von einem Erdrutsch getroffen, der mehr als 1.000 Menschen tötete oder obdachlos machte.[13]„Dies ist eine weitere Tragödie für dieses Land, das sich von der Katastrophe der Ebola-Epidemie noch nicht erholt hat“, sagte Pater Chukwuyenum Afiawari, Leiter der Jesuitenprovinz im Nordwesten Afrikas. „Neben den unmittelbaren Hilfsmassnahmen sollten wir schon jetzt beginnen, den langfristigen Wiederaufbau zu planen“, fügte er hinzu. „Wir appellieren an unsere jesuitischen Mitbrüder, die Gemeinden und Institutionen unseres gesamten Ordens, unsere Missionsmitarbeiter, Freunde, Unterstützer und alle Menschen guten Willens, sich dieser noblen Sache anzuschliessen, während wir an der Nothilfe arbeiten.“

Dieser dringende Appell zeigt, wie schwierig die Situation in Sierra Leone ist.[14] Gerade religiöse Extremisten können die Lage ausnutzen und ungehindert auf Anhängerfang gehen. Obwohl die friedliche Zusammenarbeit zwischen Religionen und Konfessionen in Sierra Leone eine lange Tradition hat, geht dabei eine besondere Gefahr vom islamistischen Dschihadismus aus. Dieser konnte zuletzt in vielen Regionen Westafrikas an Bedeutung gewinnen.

Davon abgesehen gibt es aber auch andere, traditionelle religiöse Riten, die heftige gesellschaftliche Kontroversen auslösen. Ein besonders sensibles Thema ist die Beschneidung junger Mädchen.[15] Das mehrheitlich muslimisch geprägte Sierra Leone ist eines der wenigen afrikanischen Länder, in denen es keine Gesetze gegen Genitalverstümmelung gibt. Die Tradition ist weit verbreitet und wird auch für politische Zwecke genutzt. Polizeiangaben zufolge übernahmen mehrere Kandidaten und politische Parteien im Vorfeld der Wahlen vom 7. März 2018 Kosten von Beschneidungszeremonien, um sich auf diese Weise Stimmen zu erkaufen. Die Polizei verhängte daraufhin ein Verbot dieser Zeremonien, das bis zum Wahltag in Kraft blieb.

Nach den schweren Rückschlägen der letzten Jahre befindet sich Sierra Leone auf dem Weg der wirtschaftlichen Besserung. Es ist zu erwarten, dass eine wirksame Bekämpfung der weit verbreiteten Armut und die Verbesserung der Sozialleistungen, wie etwa der Gesundheitsversorgung, zur Stärkung des friedlichen Zusammenlebens von Religionen und Konfessionen beitragen werden.

„Sierra Leone blieb bislang weitgehend von religiös motivierter Gewalt verschont. Durch den erneuten Anstieg der Armut infolge der Ebola-Epidemie ist das Land jedoch besonders anfällig für gewalttätigen Extremismus.“

Endnoten / Quellen

[1] Verfassung Sierra Leones von 1991 (geänderte Fassung), https://www.constituteproject.org/constitution/Sierra_Leone_2008.pdf?lang=en, (abgerufen am 24. März 2018).

[2] Bureau of Democracy, Human Rights, and Labor des US-Außenministeriums, Internationaler Bericht zur Religionsfreiheit von 2016 – Sierra Leone, https://www.state.gov/j/drl/rls/irf/religiousfreedom/index.htm#wrapper, (abgerufen am 24. März 2018).

[3] ebd.

[4] ebd.

[5] ebd.

[6] ebd.

[7] Munzinger Archiv 2018, Munzinger Länder: Sierra Leone. www.munziger.de/search/login (abgerufen am 25. März 2018).

[8] Bureau of Democracy, Human Rights, and Labor, Internationaler Bericht zur Religionsfreiheit von 2016 – Sierra Leone, ebd.

[9] ebd.

[10] „The Bishops: Journeying towards peaceful and credible elections“, agenzia fides, 11. Juli 2017, http://www.fides.org/en/news/62614-AFRICA_SIERRA_LEONE_The_Bishops_Journeying_towards_peaceful_and_credible_elections (abgerufen am 25. März 2018).

[11] ebd.

[12] ebd.

[13] „Mudslide in Regent: mobilization of the West African Church“, agenzia fides, 29. August 2017, http://www.fides.org/en/news/62819-AFRICA_SIERRA_LEONE_Mudslide_in_Regent_mobilization_of_the_West_African_Church, (abgerufen am 25. März 2018).

[14] Vgl. Pauls, Peter: „Wahlen nach der Ebola-Epidemie“, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27. März 2018

[15] Abu-Bakarr Jalloh: Anspannung vor der Wahl in Sierra Leone, Deutsche Welle, 5. März 2018, http://www.dw.com/de/anspannung-vor-der-wahl-in-sierra-leone/a-42830567, (abgerufen am 25.  März 2018).

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