Religion

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homekeyboard_arrow_rightMadagaskar

Gesetzeslage zur Religionsfreiheit und deren faktische Anwendung

Artikel 1 der Verfassung von 2010[1]besagt, dass Madagaskar ein säkularer Staat ist. Unter Artikel 2 ist das Konzept der staatlichen Neutralität gegenüber aller Religionen als Grundlage für die Trennung von Staat und Religion erläutert. Regierungsangestellte dürfen nicht der Führungsriege einer religiösen Organisation angehören. Die Religionsfreiheit wird in Artikel 6 und 10 garantiert.

Alle religiösen Gruppen müssen sich beim Innenministerium des Landes registrieren lassen. Steuerbefreiung für religiöse Gruppen können im Fall von ausländischen Spenden erbeten werden.[2] Nach madagassischem Recht muss eine religiöse Organisation für ihre Registrierung vorweisen, dass sie über mindestens 100 Mitglieder und einen gewählten Rat verfügt. Diesem Rat dürfen maximal neun Personen angehören, die alle madagassische Bürger sein müssen. Es existieren 283 offiziell registrierte religiöse Gruppen.

Wie im Bericht Religionsfreiheit 2016 von Kirche in Not beschrieben, erhalten Kinder madagassischer Mütter und ausländischer Väter, laut madagassischem Staatsangehörigkeitsgesetz, keine Staatsangehörigkeit. Das Problem der staatenlosen Kinder aus Mischehen betrifft weiterhin muslimische Familien. Ungefähr 6 % der im Lande lebenden Muslime sind aufgrund dieser Regelung formal staatenlos.[3]

Regierungsvertreter, insbesondere Präsident Hery Rajaonarimampiapina[4] und Premierminister Mahafaly Olivier Solofonandrasana[5], wurden wiederholt beschuldigt, das Säkularitätsgebot des Staates zu verletzen, indem sie religiöse Ereignisse für politische Zwecke instrumentalisierten.

Vorkommnisse

Im Jahr 2016 gab es eine deutliche Zunahme von Angriffen auf christliche Kirchen, Gemeinden und kirchliches Personal. Lokale Quellen betonen, dass diese Vorkommnisse besonders schockierend seien, da in Madagaskar die Religionsführer aller Religionen traditionell respektiert werden. Der Premierminister sprach in dem Zusammenhang sogar von einer „Verschwörung gegen die Kirche und den Staat“.[6]

Kircheneigentum wurde wiederholt angegriffen. So kam es in den letzten beiden Jahren zu einer überraschenden Anzahl an Diebstählen von Kirchenglocken. Das Motiv dafür scheint der grosse wirtschaftliche Wert des für die Glocken verwendeten Metalls zu sein.[7] Eine kirchliche Quelle[8] äusserte dahingegen die Vermutung, dass die Diebstähle in einigen Fällen das Ziel hätten, kirchliche Aktivitäten zu behindern. So hätten bestimmte Gruppen Kriminelle vor Ort dafür bezahlt, ihnen die gestohlenen Glocken zu liefern. Die Situation scheint sich seit Mitte 2017 beruhigt zu haben und bis jetzt gibt es keine Berichte über weitere ähnliche Vorkommnisse.

Es gibt mehrere Berichte, nach denen die Türkei eine Rolle in der Ankunft grosser Zahlen ausländischer Muslime spiele.[9] Einige Berichte melden steigende Zahlen von Unterstützern des wahhabitischen Islam im Land.[10] Für Konvertiten wurden Anreize angeboten, die u.a. finanzielle Unterstützung und Ausbildungsmöglichkeiten (Koran-Unterricht und Universitätsstudien) umfassen.[11] Pakistan, die Türkei und Saudi-Arabien stehen im Verdacht, eine wichtige Rolle in der Verbreitung des Islams zu spielen.[12]

Am 20. September 2016 wurden zehn pakistanische Imame aufgrund von Verstössen gegen ihre Visaauflagen des Landes verwiesen.[13] Eine Untersuchung war begonnen worden, nachdem die Imame in gross angelegten Feiern am Tag des Fastenbrechens (Eid) u.a. 200 Zebus geopfert hatten. Die Regierung vermutete in Folge, dass finanzielle Mittel aus dem Ausland dazu benutzt worden waren.

Am 12. November 2016 wurde Pater Prestome, ein 43-jähriges Mitglied der Herz-Jesu-Kongregation, in Ankaboka im Sakaraha Bezirk entführt. Der Angriff wurde von drei bewaffneten Männern durchgeführt, als die gesamte religiöse Gemeinschaft versammelt war. Die Entführer griffen Pater Prestome offenbar gezielt aufgrund seines Albinismus an.[14] Er wurde einige Tage darauf freigelassen.

Am 1. April 2017 wurden fünf Schwestern vergewaltigt, als Kriminelle das Kloster Notre Dame de la Salette in Antsirabe angriffen. Die Angreifer stahlen ausserdem Geld und Wertgegenstände.[15]

Am 22. April 2017 griffen bewaffneten Kriminelle die Pfarrei Ambendrana Antsohihy an, töteten Kapuzinerpater Lucien Njiva und verletzten einen anwesenden Diakon. Das Ziel der Bande war es anscheinend gewesen, die Kirchenglocken zu stehlen.[16] In der Folge wurden zwei ehemalige Gendarmen in Zusammenhang mit der Tat festgenommen.[17]

Am 25. April 2017 schloss das Bildungsministerium 16 Koranschulen im ganzen Land. Die Einrichtungen hatten fünf Stunden Religionsunterricht pro Woche angeboten und damit die gesetzliche Grenze von einer Stunde überschritten.[18] Die muslimische Gemeinschaft des Landes reagierte äusserst verärgert auf die Schliessungen, bezeichnete diese als „Kriegserklärung“[19] und beschuldigte den Bildungsminister der „Islamophobie“.[20]

Perspektiven für die Religionsfreiheit

Madagaskar scheint ein Schauplatz zu sein, an dem verschiedene religiöse Gruppen versuchen, Konvertiten zu gewinnen. In einem ungewöhnlichen Fall konvertierten 121 Menschen in einer Massenzeremonie zum Judentum.[21] Das Problem der Radikalisierung und die damit verbundenen potentiellen Risiken sowie die verstärkte Präsenz von ausländischen Muslimen vor allem im Südosten des Landes sollten in den kommenden Jahren aufmerksam beobachtet werden.

„Das Problem der Radikalisierung und die damit verbundenen potentiellen Risiken sowie die verstärkte Präsenz von ausländischen Muslimen vor allem im Südosten des Landes sollten in den kommenden Jahren aufmerksam beobachtet werden.“

Endnoten / Quellen

[1] Verfassung Madagaskars von 2010, constituteproject.org, https://constituteproject.org/constitution/Madagascar_2010.pdf?lang=en, (abgerufen am 26. März 2018).

[2]     Vgl. Bureau of Democracy, Human Rights and Labor, „Madagascar“, International Religious Freedom Report for 2016, US State Department, https://www.state.gov/j/drl/rls/irf/religiousfreedom/index.htm#wrapper, (abgerufen am 26. März 2018).

[3]     vgl. ebd.

[4]     Der Präsident hatte im Rahmen einer Feier zum 500-jährigen Jubiläum der Reformation eine kontroverse Rede in der Form einer Predigt gehalten. Vgl. Ny Aina Rahaga, „La laïcité de l’Etat encore une fois foulée au pied“, Madagascar-Tribune.com, 18. Dezember 2017, http://www.madagascar-tribune.com/La-laicite-de-l-Etat-encore-une,23501.html, (abgerufen am 13. März 2018); A. R. „Hery Rajaonarimampianina: dans la cathedrale …“, La Gazette de la Grande Ile, 3. Januar 2018, http://www.lagazette-madagascar.com/2018/01/03/hery-rajaonarimampianina-cathedrale/, (abgerufen am 14. März 2018).

[5]     Während der heiligen Messe, die zu Ehren des 50-jährigen Jubiläums der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Madagaskar und dem Heiligen Stuhl gefeiert wurde, empfing der Premierminister, er selber Mitglied der Siebenten-Tags-Adventisten, die Kommunion. Zum Entsetzen der Katholiken nahm der Premierminister die Hostie in die Hand und steckte sie in eine Seitentasche. Vgl. „Quelle laïcité, à Madagascar?“, Madagascar-Tribune.com, 7. Februar 2017, http://www.madagascar-tribune.com/Quelle-lai%CC%88cite%CC%81-a%CC%80-Madagascar,22843.html, (abgerufen am 13. März 2018).

[6]     Garry Fabrice Ranaivoson, „Antsohihy, Mahafaly dénonce un complot contre l’État e l’église“, L’Express de Madagascar, 25. April 2017, http://www.lexpressmada.com/blog/actualites/antsohihy-mahafaly-denonce-un-complot-contre-letat-et-leglise/, (abgerufen am 13. März 2018).

[7]     Eine anonyme Quelle erwähnt „Belohnungen“ für gestohlene Glocken, die bestimmte Gruppen lokalen kriminelle Banden angeboten hätten. Zum Thema Diebstahl von Kirchenglocken: Seth Andriamarohasina, „Vols contre l’église – Une quarantaine de cloches dérobés“, L’Express de Madagascar, 12. Juli 2016, http://www.lexpressmada.com/blog/actualites/vols-contre-leglise-une-quarantaine-de-clochers-derobes/, (abgerufen am 14. März 2018); „Cloches d’églises portant l’insigne RF et vieille marmite: Un business trés lucratif incitant au vol“, La Chasse-Info (ohne Datum), http://lachasse-info.com/accueil/fiche/cloches-deglises-portant-linsigne-rf-et-vieille-marmite-un-business-tres-lucratif-incitant-au-vol, (abgerufen am 14. März 2018).

[8]     Laut einem christlichen Missionar, mit mehr als 15 Jahren Erfahrung im Land, wurden Hunderte von Glocken gestohlen. Allein in seiner Diözese (im Norden des Landes) wisse er von 50 Fällen, die sich in den ersten Monaten des Jahres 2016 ereignet hätten.

[9]     Martin Mateso, „Madagascar, ‘terre fertile’ pour l’Islam radical“, Géopolis Afrique, 27. September 2016, http://geopolis.francetvinfo.fr/madagascar-terre-fertile-pour-l-islam-radical-119777, (abgerufen am 25. März 2018).

[10]     Vgl. Boubakar Nguema, „Madagascar menacé par le Wahhabisme et la radicalisation“, Actualité Houssenia Writing, 2. Juli 2016, https://actualite.housseniawriting.com/madagascar/2016/07/02/madagascar-menace-par-le-wahhabisme-et-la-radicalisation/16554/, (abgerufen am 15. März 2018).

[11]     Boubakar Nguema, op. cit.; Renaud Girard, „Madagascar, Islamists exploit poverty to gain converts in Christian land“, Worldcrunch, 13. Dezember 2017, https://www.worldcrunch.com/world-affairs/madagascar-islamists-exploit-poverty-to-gain-converts-in-christian-land, (abgerufen am 25. März 2018).

[12]     Vgl. Martin Mateso, op. cit.

[13]     A. R., „Ministère de l’Intérieur: Dix imams étrangers expulsés!“, Mouvement de Citoyens Magalasy de Paris, 20. September 2016, https://mcmparis.wordpress.com/2016/09/20/20-septembre-2016-dix-imams-pakistanais-expulses-de-madagascar/, (abgerufen am 25. März 2018).

[14]     Mparany, „Attaque contre des albinos: un religieux kidnappé à Sakaraha“, NewsMada, 15. November 2016, http://www.newsmada.com/2016/11/15/attaque-contre-des-albinos-un-religieux-kidnappe-a-sakaraha/, (abgerufen am 26. März 2018).

[15]     Andy Manase, „Viols de religieuses – Vingt-six arrestations à Antsirabe“, L’Express de Madagascar, 5. April 2017, http://www.lexpressmada.com/blog/actualites/viols-de-religieuses-vingt-six-arrestations-a-antsirabe/, (abgerufen am 13. März 2018).

[16]     Mparany, „Attaque à main armée à Antsohihy: un prête tué et un diacre blessé“, NewsMada, 24. April 2017, http://www.newsmada.com/2017/04/24/attaque-a-main-armee-a-antsohihy-un-pretre-tue-et-un-diacre-blesse/, (abgerufen am 13. März 2018); Andry Manase, „Vol de cloche – Un prêtre et un diacre abattus à Antsohihy“, L’Express de Madagascar, 24. April 2017, http://www.lexpressmada.com/blog/actualites/vol-de-cloche-un-pretre-et-un-diacre-abattus-a-antsohihy/, (abgerufen am 13. März 2018).

[17]     Andry Manase, „Antsohihy – Deux gendarmes arrêtés“, L’Express de Madagascar, 28. April 2017, http://www.lexpressmada.com/blog/actualites/antsohihy-deux-gendarmes-arretes/, (abgerufen am 13. März 2018).

[18]     Miangaly Ralitera, „Éducation – Seize écoles coraniques à fermer“, L’Express de Madagascar, 25. April 2017, http://www.lexpressmada.com/blog/actualites/education-seize-ecoles-coraniques-a-fermer/, (abgerufen am 13. März 2018).

[19]     Ibid, „Éducation – Les Musulmans parlent de déclaration de guerre”, L’Express de Madagascar, 29. April 2017, http://www.lexpressmada.com/blog/actualites/education-les-musulmans-parlent-de-decla%c2%adration-de-guerre/, (abgerufen am 13. März 2018).

[20]     Yvan Andriamanga, „Paul Rabary accusé d’islamophobe par les musulmans de Mahajanga“, Madagascar-Tribune.com, 29. April 2017, http://www.madagascar-tribune.com/Paul-Rabary-accuse-d-islamophobe,22991.html, (abgerufen am 13. März 2018).

[21]     Josefin Dolsten, „In Madagascar, ‘world’s newest Jewish community’ seeks roots“, Times of Israel, 7. Dezember 2016, https://www.timesofisrael.com/in-madagascar-worlds-newest-jewish-community-seeks-roots/, (abgerufen am 26. April 2018).

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KIRCHE IN NOT (ACN) ist ein internationales katholisches Hilfswerk, das direkt dem Heiligen Stuhl untersteht. Es wurde 1947 gegründet. Es unterstützt pro Jahr über 6000 pastorale Projekte in über 140 Ländern pro Jahr. Durch die drei Säulen – Information, Gebet, Handeln – hilft KIRCHE IN NOT Christen, wo sie verfolgt, unterdrückt werden oder in Not sind.