Verfolgung / Situation verschlechtert

Niger

Religion

20.715.000Bevölkerung

1.267.000 Km2Fläche

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Gesetzeslage zur Religionsfreiheit und deren faktische Anwendung

In der Verfassung der „Siebten Republik“ vom 25. November 2010 [1] sind unter anderem die Gewaltenteilung, eine dezentrale Verwaltung, ein Mehrparteiensystem sowie allgemeine Bürgerrechte und Menschenrechte festgeschrieben. [2] Gemäss der Verfassung ist die Republik Niger ein säkularer Staat, der die Trennung von Kirche und Staat vorsieht. In Artikel 8 der Verfassung ist die Achtung aller Glaubensrichtungen verankert. Er gewährleistet, dass alle Menschen unabhängig von ihrer religiösen Identität vor dem Gesetz gleich behandelt werden. In Artikel 9 heisst es: „[…] politische Parteien mit ethnischen, regionalistischen oder religiösen Bestrebungen sind verboten. Keine Partei darf bewusst mit dem Ziel gegründet werden, eine ethnische Gruppe, Region oder Glaubensrichtung zu fördern.“ [3] Glaubensgemeinschaften müssen sich behördlich registrieren lassen.

Der Präsident, der Premierminister und der Parlamentspräsident des Landes müssen bei Amtseinführung einen religiösen Eid leisten, wobei sich die Eidesformel nach der Religionszugehörigkeit der jeweiligen Person richtet. Konvertierungen sind erlaubt. Die Missionierung im Rahmen von grösseren öffentlichen Veranstaltungen ist hingegen verboten – aus Sicherheitsgründen, wie es heisst. [4]

Der bei weitem grösste Teil der Bevölkerung ist muslimisch geprägt. Daneben gibt es kleine christliche Glaubensgemeinschaften katholischer und protestantischer Konfession. Religionsunterricht ist an staatlichen Schulen nicht erlaubt. Glaubensgemeinschaften dürfen nur mit Genehmigung des Innenministeriums und des Bildungsministeriums eigene Schulen betreiben. [5] Das Ministerium für
Religiöse Angelegenheiten ist im Niger für den interreligiösen Dialog zuständig.

Vorkommnisse

Im Berichtszeitraum hat sich die durch den Dschihadismus geprägte Bedrohungslage im Niger zwar stabilisiert, aber aufgrund seiner zentralen Lage, seiner Grösse und der Nähe zu den westafrikanischen Hochburgen des Dschihadismus ist das Land nach wie vor akut gefährdet. In den vergangenen Jahren haben islamistische Organisationen die Möglichkeiten der Verfassung ausgenutzt, um im Land weiter Fuss zu fassen. [6] Wie beispielsweise wahhabitische Gruppen, denen die in der Verfassung verankerten pluralistischen Grundsätze vollkommen fremd sind. Sie fürchten eine angebliche Aufweichung der religiösen Identität des Niger durch das säkulare, demokratische Staatssystem. Medienberichten zufolge sind in den letzten Jahren zahlreiche wahhabitische Zentren im Land entstanden. [7]

Die kleine katholische Gemeinschaft im Niger ist hauptsächlich in der Erzdiözese Niamey (der Landeshauptstadt) und in der Diözese Maradi angesiedelt. Die Katholiken geniessen aufgrund ihres sozialen Engagements und ihrer karitativen Arbeit einen ausgezeichneten Ruf. Die Katholische Kirche betreibt zahlreiche soziale Einrichtungen und Schulen. [8]

Muslime und andere Glaubensgemeinschaften im Land pflegen traditionell gute Beziehungen zueinander. Regelmässig besuchen sich Muslime und Christen gegenseitig zu den wichtigen religiösen Festen. Das interreligiöse Forum der Muslime und Christen ist in allen Teilen des Landes aktiv und wirkt auf die Zusammenarbeit zwischen den Religionen und Glaubensgemeinschaften hin. [9] Bibeln in arabischer Sprache und in anderen verbreiteten Nationalsprachen sind problemlos erhältlich.

Nach Angaben des Hilfswerks Open Doors gibt es im Niger drei Gruppen von Christen, die unter Verfolgung leiden. [10] Dazu zählen Christen, die traditionellen Glaubensgemeinschaften angehören, Christen, die vom Islam konvertiert sind, und Christen, die protestantischen Freikirchen angehören. Am häufigsten betroffen sind Christen, die vom muslimischen Glauben konvertiert sind. Sie werden oftmals von ihren Familien verstossen und enterbt. Zudem kommen Entführungen und Zwangsehen vor. Wenn es um die Anmietung von Wohnungen oder Geschäftsräumen geht, werden alle drei genannten Gruppen benachteiligt.

Wie Open Doors berichtet, hat die Verfolgung von Christen in einigen Teilen des Landes zugenommen, während sich die Lage in anderen Landesteilen verbessert hat. [11] In der Hauptstadt Niamey ist die Situation für Christen inzwischen etwas entspannter. In Gebieten, die wie etwa die Region Diffa unter einem starken islamistischen Einfluss stehen, wird die Lage für Christen und insbesondere für christliche Geschäftsleute dagegen immer schwieriger. In einigen Gebieten der
Regionen Diffa und Tahoua haben militante islamistische Gruppen die Kontrolle übernommen. In Zinder und anderen Regionen werden Christen offenbar von Mitbürgern drangsaliert. In Maradi, Tahoua, Dosso, Niamey und Tillabery dagegen konnten solche Schikanen durch eine staatliche Kampagne zur Förderung des friedvollen Miteinanders zwischen Muslimen und Christen eingedämmt werden.

Im Interview mit dem Domradio in Köln erklärte Erzbischof Laurent Lompo, dass die Katholische Kirche im Niger nach der Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen in Charlie Hebdo „einige Schwierigkeiten“ gehabt habe, bevor am 7. Januar 2015 der blutige Anschlag auf das Satiremagazin verübt wurde. Damals wurden im Niger christliche Kirchen in Brand gesteckt. Inzwischen wurden sie wieder aufgebaut, und zwar grösser als vorher. Das Christentum „kommt Schritt für Schritt voran und
ist jetzt auf einem stabilen Niveau“, so der Erzbischof. [12]

Am 5. Oktober 2017 wurden vier amerikanische und fünf nigrische Soldaten bei einem Anschlag getötet. Mit hoher Wahrscheinlichkeit war die Organisation Al-Qaida im Islamischen Maghreb für die Tat verantwortlich. [13] Die gemischte Patrouille amerikanischer und nigrischer Soldaten befand sich gerade auf dem Weg zu einem Treffen mit Stammesführern an der Grenze zu Mali im Südwesten des Landes. Bei den Angreifern handelte es sich um mindestens 50 schwer bewaffnete Männer, die in Pickups und auf Motorrädern unterwegs waren. Pater Mauro Armanino, ein aus Italien stammender katholischer Missionar, der im Niger arbeitet, ist der Auffassung, dass die instabile Lage in einigen Regionen des Landes auf die Anwesenheit ausländischer Streitkräfte zurückzuführen ist. In einem Gebiet, das etwa 120 Kilometer von der Hauptstadt Niamey entfernt liegt, hat es nach seinen Angaben bereits mehrere Anschläge gegeben. In der Region entlang der malischen Grenze herrschen seit langem Unruhen. Gleiches gilt für das Gebiet um den Tschadsee, wo die dschihadistische Organisation Boko Haram aus Nigeria aktiv ist. Entlang der Grenze zu Libyen ist die Lage aufgrund des Menschenhandels mit Migranten ebenfalls instabil. [14]

Im Juni 2016 kam es in der am Tschadsee gelegenen Stadt Bosso zu Kämpfen zwischen den nigrischen Streitkräften und Dschihadisten aus dem südlichen Nachbarland Nigeria. Anfang Juni war die Stadt von Boko-Haram-Kämpfern eingenommen worden. Am 4. Juni eroberten die Streitkräfte der Regierung in Niamey die Stadt zurück, doch in den Tagen danach gewann Boko Haram wieder die Oberhand. Bei den Kämpfen kamen neben nigrischen auch nigerianische Soldaten ums Leben. 50.000 Einwohner der Stadt – vor allem Kinder, Frauen und ältere Menschen– mussten bei brütender Hitze ohne jegliche humanitäre Hilfe aus der Stadt fliehen. [15]

Perspektiven für die Religionsfreiheit

Die wirtschaftliche Entwicklung Nigers hat einen entscheidenden Einfluss auf die Sicherheitslage des Landes und damit auch auf die Lage der Religionsfreiheit. Wenn es gelingen würde, die Armut effektiv zu bekämpfen und den jungen Menschen Zukunftsperspektiven zu bieten, hätten es dschihadistische Gruppen und Organisationen in Zukunft deutlich schwerer, Nachwuchs zu rekrutieren. Der katholische Pater Mauro Armanino, der für die Gesellschaft der Afrikamissionen
(SMA) im Niger tätig ist, erklärt: „Der Niedergang des nationalen Schulwesens ist weit fortgeschritten. Das Gesundheitswesen und der Staatshaushalt befinden sich in einem katastrophalen Zustand, und das politische Leben wird von endlosen Skandalen und Korruption beherrscht. Weite Teile des Landes befinden sich wegen des Terrors seit langem im Ausnahmezustand. Die Ankündigung, dass zivilgesellschaftliche Ängste das Land 2018 in die Knie zwingen könnten, hat die Gesellschaft aus einem fatalen Schlaf wachgerüttelt.“ [16]

Im Niger sind westliche Streitkräfte stationiert, und das Land ist von strategischer Bedeutung, wenn es darum geht, die Flüchtlingsströme Richtung Europa aufzuhalten. Und in Anbetracht der grenzüberschreitenden terroristischen Bedrohung im Sahel kooperieren Burkina Faso, Mali, Mauretanien, Tschad und Niger im Rahmen der „Opération Barkhane“ jeweils innerhalb der eigenen Staatsgrenzen mit dem französischen Militär im Kampf gegen den Dschihadismus. Im Februar 2017 vereinbarten die Partnerländer der Regionalorganisation „G5 Sahel“ die Gründung einer gemeinsamen westafrikanischen Eingreiftruppe, die unter anderem von Saudi-Arabien finanziell unterstützt wird. [17] Gemeinsames Ziel ist die Bekämpfung der grenzüberschreitenden terroristischen Bedrohung im Sahel. Offen bleibt die Frage, ob die im Niger stationierten ausländischen Truppen die kriminellen Machenschaften und den Dschihadismus in der Region aufhalten oder sogar niederschlagen können.

Die lange Tradition des friedlichen Miteinanders der Religionen im Niger lässt hoffen, dass sich die Sicherheitslage in Zukunft wieder stabilisiert. Trotz der Einflussnahme dschihadistischer Organisationen besteht innerhalb der Bevölkerung die tiefe Erkenntnis, dass sich auf friedlichem Wege mehr erreichen lässt als durch Krieg. [18] Erzbischof Djalwana Laurent Lompo von Niamey betont: „Wir pflegen zu den moderaten Muslimen gute Beziehungen. Sie kommen in unsere Kirchen, und wir statten ihnen ebenfalls Besuche ab. Man kann nicht pauschal sagen, dass der Islam schlecht ist. Es gibt nur vereinzelt Menschen, die nichts verstanden haben. Der Dialog verhilft uns zu einem besseren gegenseitigen Verständnis. Er reisst Barrieren nieder. Wenn Christen und Muslime sich treffen, versuchen wir, niemals Hass aufkommen zu lassen. So halten wir es zum Beispiel auch in unseren Schulen, wo wir einander im Geist der Offenheit begegnen.“ [19]

„Die lange Tradition des friedlichen Miteinanders der Religionen im Niger lässt hoffen, dass sich die Sicherheitslage in Zukunft wieder stabilisiert. Trotz der Einflussnahme dschihadistischer Organisationen besteht innerhalb der Bevölkerung die tiefe Erkenntnis, dass sich auf friedlichem Wege mehr erreichen lässt als durch Krieg.“

Endnoten / Quellen

[1] Niger’s Constitution of 2010, consituteproject.org, https://www.constituteproject.org/constitution/Niger_2010?lang=en
(abgerufen am 31. März 2018).

[2] Munzinger Archiv 2018, Munzinger Länder: Niger. www.munziger.de/search/login (abgerufen am 31. März 2018).

[3] Ibid.

[4] Stelle für Demokratie, Menschenrechte und Arbeit, „Niger“, Bericht zur Internationalen Religionsfreiheit 2016, US-Aussenministerium, https://www.state.gov/j/drl/rls/irf/religiousfreedom/index.htm#wrapper (abgerufen am 31. März2018).

[5] Ibid.

[6] Ibid.

[7] Ibid.

[8] „Der Dialog reisst Barrieren nieder“, Laurent Lompo, Erzbischof und Metropolit von Niamey (Niger), im Interview mit Dr. Christian Schlegel, Domradio, 11. August 2016, https://www.domradio.de/themen/weltkirche/2016-08-11/erzbischof-lompo-aus-niger-zum-islam (abgerufen am 31. März 2018).

[9] Stelle für Demokratie, Menschenrechte und Arbeit, „Niger“, Bericht zur Internationalen Religionsfreiheit 2016, op. cit..

[10] Open Doors, Länderprofil Niger, https://www.opendoors.de/christenverfolgung/weltverfolgungsindex/laenderprofile/2018/niger (abgerufen am 31. März 2018).

[11] Ibid.

[12] „Der Dialog reisst Barrieren nieder“, Laurent Lompo, Erzbischof und Metropolit von Niamey (Niger), im Interview mit Dr. Christian Schlegel, loc. cit.

[13] „A surprise attack against US soldiers: ‚The presence of foreign soldiers is likely to destabilize the area‘, says a missionary“, agenzia fides, 9. Oktober 2017, http://www.fides.org/en/news/63036-AFRICA_NIGER_A_surprise_attack_against_US_soldiers_The_presence_of_foreign_soldiers_is_likely_to_destabilize_the_area_says_a_missionary (abgerufen am 31. März 2018).

[14] Ibid.

[15] „Critical situation for the 50,000 inhabitants of Bosso who escaped from Boko Haram“, agenzia fides, 9. Juni 2016, http://www.fides.org/en/news/60198-
AFRICA_NIGER_Critical_situation_for_the_50_000_inhabitants_of_Bosso_who_escaped_from_Boko_Haram (abgerufen am 31. März 2018).

[16] „Guerrilla in Niamey: the testimony of a missionary“, agenzia fides, 31. Oktober 2017,
http://www.fides.org/en/news/63163-AFRICA_NIGER_Guerilla_in_Niamey_the_testimony_of_a_missionary
(abgerufen am 31. März 2018).

[17] Cf. Munzinger Archiv 2018, loc. cit., und Knipp, Kersten: „Islamic State seeks new foothold in Africa“, Deutsche Welle, 2. Januar 2018, http://www.dw.com/en/islamic-state-seeks-new-foothold-in-africa/a-41977922 (abgerufen am 31. März 2018).

[18] „Der Dialog reisst Barrieren nieder“, Laurent Lompo, Erzbischof und Metropolit von Niamey (Niger), im Interview mit Dr. Christian Schlegel, op. cit..

[19] Ibid.

Über uns

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