Religion

48.654.000Bevölkerung

1.141.748 Km2Fläche

Lesen Sie den Bericht
keyboard_arrow_down

homekeyboard_arrow_rightKolumbien

Gesetzeslage zur Religionsfreiheit und deren faktische Anwendung

Artikel 1 der Verfassung des Landes [2] definiert Kolumbien als ein der Rechtsstaatlichkeit verpflichtetes Land. Weiterhin wird dort festgelegt, dass das Land demokratisch und pluralistisch orientiert ist und auf der Achtung der Menschenwürde und der Solidarität gründet und das öffentliche Interesse eine Vormachtstellung einnimmt. Die Regierung überwacht Ämter und Behörden, die dafür zuständig sind, das Leben, die Würde, den Glauben und andere im Rechtssystem verankerte persönliche Freiheiten zu schützen.

Der kolumbianische Staat verbietet jegliche Form von Diskriminierung, darunter auch religiös motivierte Diskriminierung. Gewissens-, Religions- und Kultusfreiheit werden als grundlegende Rechte anerkannt. [3]

Gemäss dem Verfassungsgericht Kolumbiens, dem höchsten Gericht zum Schutz der Menschenrechte, wird die Gewissensfreiheit auf drei Wegen realisiert: „(i) Niemand darf aufgrund seiner Überzeugung oder seines Glaubens belästigt oder verfolgt werden; (ii) kein Mensch darf dazu gezwungen werden, seine Überzeugung preiszugeben, und (iii) niemand darf dazu verleitet werden, gegen sein Gewissen zu handeln.“ [4] Das Recht auf Gewissensfreiheit ist jedoch nicht absolut und birgt Einschränkungen, die auf dem Respekt der Rechte Anderer basieren.

Obwohl beide sehr eng miteinander verknüpft sind, werden Gewissensfreiheit und Religionsfreiheit als zwei unterschiedliche Rechte betrachtet. So wird in Kolumbien zwar das Recht auf Gewissensfreiheit garantiert, jedoch sind Aktivitäten, die sich gegen religiöse Anschauungen richten, verboten. [5]

Anknüpfend an ein Konkordat mit dem Heiligen Stuhl sieht Artikel 19 der Verfassung vor, dass „alle Religionen und Kirchen vor dem Gesetz gleich sind“. [6] Aus diesem Grund gehört zum kolumbianischen Innenministerium auch ein Amt für Religiöse Angelegenheiten, das für die rechtliche Anerkennung nicht-katholischer Glaubensgemeinschaften zuständig ist. Laut Daten des Innenministeriums sind „im staatlichen Register 6.500 Religionsgemeinschaften verzeichnet, und 90 % der Bevölkerung üben eine Religion aus”. [7] Christen machen 95 % der Bevölkerung aus, 90,04 % davon sind Katholiken.

Am 6. März 2018 setzte das kolumbianische Innenministerium Dekret 437 um, ein neues Gesetz über Religionsfreiheit. [8] Noch ist es jedoch zu früh, um eventuelle Erfolge messen zu können.

Vorkommnisse

Im Februar 2017 urteilte das Verfassungsgericht über eine Bürgerinitiative, die die Verfassungsmässigkeit des Gesetzes 891 aus dem Jahr 2004 in Frage stellte, laut dem „die Prozessionen der Karwoche sowie das religiöse Musikfestival von Popayán zum nationalen Kulturerbe Kolumbiens erklärt werden”. Obwohl die Kläger der Annahme waren, dass dieses Gesetz die Religions- und Kultusfreiheit verletze, verkündete das Gericht, dass eine Verletzung jener Rechte nicht bestünde, da das Gesetz auf keine offizielle Religion Bezug nehme und solche Feierlichkeiten lediglich als Teil des nationalen Kulturerbe Kolumbiens erklärt würden. Weiterhin erklärte das Gericht, das Gesetz stehe im Einklang mit der verfassungsmässigen Verpflichtung des Staates, das nicht-materielle Kulturerbe des Landes anzuerkennen und zu preisen. [9]

Am 27. Juli 2017 wurde Pater Diomer Chavarría in der Gemeinde Puerto Valdivia ermordet. Der Kleriker „brachte in der vergangenen Nacht des 27. Juli in der Ausübung seiner Mission das höchste Opfer” [10] , so die Stellungnahme der Diözese. Ein weiterer tragischer Vorfall ereignete sich knapp drei Monate später, am 3. Oktober 2017, als der 41-jährige Pater Abelardo Antonio Muñoz Sánchez in San Antonio, einem Stadtteil von Rionegro, ein an der Hauptstrasse nach La Ceja gelegenen Ort, ermordet wurde. Zwei Kriminelle hatten ihn beim Aussteigen aus einem Taxi konfrontiert. [11] Im selben Monat wurde in Palmira ein Friedhof entweiht. In einer Stellungnahme zu diesen und ähnlichen Vorkommnissen sagte Pater Dimas Orozco, der Gemeindepriester von La Buitrera, dass es „zahlreiche Menschen gibt, die solch satanische Rituale vollziehen und dabei die Gebeine von Verstorbenen entfernen, um frevlerische Handlungen zu praktizieren“. [12]

Am 22. Mai 2018 berichtete die Diözese von Fontibón über einen „Angriff einer Gruppe Unbekannter auf den Schrein der Heiligen Barmherzigkeit in Bogotá”. Die Übeltäter beschädigten mehrere Fenster des Schreins und das Gemeindebüro, die Auditorien und das Pfarrhaus, die das Zuhause von Pater Jesús Hernán Orjuela waren. [13] Ausserdem wurden die Friedhöfe von Puente Sogamoso und Honda entweiht. 14]

Das Urteil C-100 von 2018 gehört vielleicht zu den am ehesten religiös konnotierten Rechtsverfahren in Kolumbien. [15] Am 22. März wies das Verfassungsgericht einen Antrag eines in Haft befindlichen Pfingstlers ab, der angab, sein Recht auf Religions- und Kultusfreiheit sei verletzt worden, weil er an Sonn- und Feiertagen nicht arbeiten durfte, um so sein Strafmass zu mindern. Seiner Ansicht nach wurden seine Rechte verletzt, da er gezwungen wurde, die katholischen Feiertage anzuerkennen. [16] In seinem Urteil erklärte das
Gericht, dass solche Rechte nicht absolut seien und mit vertretbaren Einschränkungen verbunden seien. In diesem Fall sei das Recht auf Kultusfreiheit des Häftlings nicht verletzt worden, vielmehr diene das Arbeitsverbot dazu, den Häftlingen einen Ruhetag zusichern zu können und gebe ihnen die Möglichkeit, an
den anderen Tagen so lange zu arbeiten, wie es der Gefängnisdirektor erlaube. [17]

Perspektiven für die Religionsfreiheit

Die Religionsfreiheit in Kolumbien ist direkt mit der komplexen politischen Situation des Landes verwoben, die durch Konflikte überschattet wurde. Durch das Wiederaufflammen von Gewalt sind der Klerus und Vertreter anderer Religionsgemeinschaften einem grösseren Risiko ausgesetzt. Dies gilt insbesondere für Regionen, die von bewaffneten Konflikten betroffen sind. [18] In den vergangenen zwei Jahren hat sich in weiten Teilen des Landes die Zahl an Ereignissen, in die bewaffnete kriminelle Banden involviert waren, vervielfacht. In diesen Regionen führte Gewalt in den letzten 50 Jahren zur Vertreibung von mehr als 6,8 Millionen Kolumbianern, davon allein bereits 63.000 im vergangenen Jahr. Demnach ist Kolumbien laut dem Unified Victims Registry nach Syrien das Land mit der zweithöchsten Anzahl an Binnenflüchtlingen weltweit. [19]

„Die Religionsfreiheit in Kolumbien ist direkt mit der komplexen politischen Situation des Landes verwoben, die durch Konflikte überschattet wurde. Durch das Wiederaufflammen von Gewalt sind der Klerus und Vertreter anderer Religionsgemeinschaften einem grösseren Risiko ausgesetzt. Dies gilt insbesondere für Regionen, die von bewaffneten Konflikten betroffen sind.“

Endnoten / Quellen

[1] Dieser Bericht basiert auf dem Forschungsprojekt „Gewissens- und Religionsfreiheit in der Philosophie, Theologie und den Menschenrechten. Umfang und Einschätzungen der Ausübung in Kolumbien.”, das von den in Medellín ansässigen Universitäten Universidad de San Buenaventura und Universidad Pontificia Bolivariana mit der Unterstützung der Organisation Kirche in Not unternommen wurde. Zu den Autoren des Berichts gehören die folgenden Wissenschaftler: Dr. Kennier José Garay Herazo und Héctor David Arcila Muñoz von der Universidad San Buenaventura sowie Dr. Camilo Andrés Gálvez Lopera und Schwester Nora
Alba Berrio von der Universidad Pontificia Bolivariana.

[2] Colombia’s Constitution of 1991 with Amendments through 2015, constituteproject.org,
https://www.constituteproject.org/constitution/Colombia_2015.pdf?lang=en, (abgerufen am 15. März 2018).

[3] Ibid.

[4] Corte Constitucional, Colombia, Sentencia SU-108 de 2016, http://www.corteconstitucional.gov.co/relatoria/2016/SU108-16.htm, (abgerufen am 15. April 2018).

[5] Corte Constitucional, Colombia, Sentencia T-823 de 2002, http://www.corteconstitucional.gov.co/relatoria/2002/t-823-02.htm, (abgerufen am 20. April 2018), (abgerufen am 20. Juli 2018).

[6] Colombia's Constitution of 1991…, Artikel 9, op. cit.

[7] “Registro Publico ARNC BPM-22 AGOSTO 2017”, Trámite de Reconocimiento de Personería Jurídica de Entidades Religiosas No Católicas”, Ministerio del Interior, República de Colombia, https://www.mininterior.gov.co/mision/asuntos-religiosos/registro-publico-de-entidades-religiosas, , (abgerufen am 8. Juni 2018).

[8] “Libertad religiosa y de culto, ahora política pública”, Ministerio del Interior, República de Colombia, 5. Januar 2018, http://www.mininterior.gov.co/sala-de-prensa/noticias/libertad-religiosa-y-de-culto-ahora-politica-publica-0, (abgerufen am 1. Juli 2018); Política Pública Integral de Libertad Religiosa y de Cultos, Ministerio del Interior, República de Colombia, 2017,
https://asuntosreligiosos.mininterior.gov.co/sites/default/files/documento_tecnico_politica_publica_integral_de_libertad_religiosa_y_de_cultos.pdf, (abgerufen am 1. Juli 2018).

[9] Corte Constitucional, Colombia, Sentencia C-109 de 2017, http://www.corteconstitucional.gov.co/relatoria/2017/T-152-17.htm, (abgerufen am 15. Mai 2018).

[10] Mateo Isaza Giraldo, “Sacerdote fue asesinado dentro de parroquia en Puerto Valdivia”, Colombiano, 28. Juli 2017, http://www.elcolombiano.com/antioquia/seguridad/asesinato-de-sacerdote-diomer-eliver-chavarria-perez-YB7003540, (abgerufen am 1. Juli 2018).

[11] “Priest killed in Rionegro, the second in Colombia in 2017”, Agenzia Fides, 4. Oktober 2017, http://www.fides.org/en/news/63006-
AMERICA_COLOMBIA_Priest_killed_in_Rionegro_the_second_in_Colombia_in_2017, (abgerufen am 1. Juli 2018).

[12] “Denuncian profanación de tumbas en cementerio de zona rural de Palmira”, El País, 30. Oktober 2017, http://www.elpais.com.co/valle/denuncian-profanacion-de-tumbas-cementerio-zona-rural-palmira.html, (abgerufen am 1. Juli 2018).

[13] “Atacan santuario de la Divina Misericordia en Colombia [VIDEO]”, Aciprensa, 25. Mai 2018, https://www.aciprensa.com/noticias/atacan-santuario-de-la-divina-misericordia-en-colombia-video-25010, (abgerufen am 1. Juli 2018).

[14] “Denuncian profanación de tumbas en Honda”, 790 AM, 9. November 2017, http://www.ecosdelcombeima.com/judiciales/nota-115843-denuncian-profanacion-de-tumbas-honda, (abgerufen am 1. Juli 2018).

[15] Corte Constitucional, Colombia, Sentencia C-100 de 2018, http://www.corteconstitucional.gov.co/relatoria/2018/T-100-18.htm,
(abgerufen am 1. Juli 2018).

[16] Ländliche oder periphere urbane Gebiete, wo mehrere gesetzeslose bewaffnete Gruppen (Narco-Guerillas, Drogenhändler in kleinem und grossen Stil, Kleinkriminelle) einen starken Einfluss haben und Kontrolle ausüben.

[17] Decreto Número 437 de 2018, 6. März 2018, Ministerio del Interior, República de Colombia,
http://es.presidencia.gov.co/normativa/normativa/DECRETO%20437%20DEL%2006%20MARZO%20DE%202018.pdf, (abgerufen am 25. Mai 2018).

[18] “Atacan santuario de la Divina Misericordia en Colombia [VIDEO]”, op. cit.

[19] “Colombia Events of 2016”, World Report 2017, Human Rights Watch, https://www.hrw.org/world-report/2017/country-chapters/colombia, (abgerufen am 1. Juli 2018); https://rni.unidadvictimas.gov.co/RUV, (abgerufen am 1. Juli 2018); Colombia Events of 2017”, World Report 2018, Human Rights Watch, https://www.hrw.org/world-report/2018/country-chapters/colombia, (abgerufen am 1. Juli 2018); “ONU alerta por el aumento desmedido de desplazamientos forzados en Colombia”, CNN Español, 19. Februar 2018, https://cnnespanol.cnn.com/2018/02/19/onu-alerta-por-el-aumento-desmedido-de-desplazamientos-forzados-en-colombia/, (abgerufen am 1. Juli 2018).

Über uns

KIRCHE IN NOT (ACN) ist ein internationales katholisches Hilfswerk, das direkt dem Heiligen Stuhl untersteht. Es wurde 1947 gegründet. Es unterstützt pro Jahr über 6000 pastorale Projekte in über 140 Ländern pro Jahr. Durch die drei Säulen – Information, Gebet, Handeln – hilft KIRCHE IN NOT Christen, wo sie verfolgt, unterdrückt werden oder in Not sind.