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Zentralafrikanische Republik

Religion

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Gesetzeslage zur Religionsfreiheit und deren faktische Anwendung

Die neue Verfassung der Zentralafrikanischen Republik (ZAR) wurde am 13. Dezember 2015 per Referendum angenommen und am 30. März 2016 promulgiert. Sie löste die Charte de la transition (Übergangscharta) ab, die der ZAR seit Juli 2013 als Verfassung diente, nachdem die Rebellenallianz Séléka im März 2013 die Macht übernommen hatte und das Land daraufhin in eine Krise gestürzt war.

In der Präambel der neuen Verfassung wird die religiöse und kulturelle Vielfalt des zentralafrikanischen Volkes gewürdigt. Artikel 10 gewährleistet „Gewissens-, Versammlungs- und Religionsfreiheit“ und verbietet „jegliche Form von religiösem Fundamentalismus und Intoleranz.“ In Artikel 24 ist der säkulare Charakter des Staates festgeschrieben. (Die entsprechenden Verweise finden sich auch in Artikel 8 bzw. 18 der alten Verfassung.) [1]

Am 6. September 2016 unterzeichnete die Regierung der ZAR ein Rahmenabkommen mit dem Heiligen Stuhl, das mit einem Konkordat vergleichbar ist.

Mit Ausnahme ethnischer Religionen müssen sich alle Religionsgemeinschaften beim Ministerium für Inneres und öffentliche Sicherheit registrieren. Die Behörde kann einen Registrierungsantrag ablehnen, wenn die betreffende Gemeinschaft nach ihrem Ermessen eine Bedrohung für die guten Sitten und/oder den sozialen Frieden darstellt. Mit der Registrierung sind keine Kosten verbunden; registrierte
Gemeinschaften sind offiziell anerkannt und geniessen bestimmte Vorteile, z. B. Steuererleichterungen. Sanktionen für nichtregistrierte Gruppen sind allerdings nicht vorgesehen. [2]

Aufenthaltsgenehmigungen für ausländische Mitarbeiter religiöser Organisationen können ohne Schwierigkeiten verlängert werden. [3]

In den letzten Jahren haben sich auch neue Religionsgemeinschaften – insbesondere Pfingst- oder „Wiedergeburtskirchen“ – in der ZAR niedergelassen. Sie können ihre Gottesdienste ungehindert feiern. In einigen Fällen werden ihnen Räumlichkeiten in Regierungsgebäuden (z. B. im Aussenministerium in Bangui) zur Verfügung gestellt, um öffentliche religiöse Zeremonien abzuhalten. [4]

Religionsunterricht ist zwar nicht obligatorisch, wird aber trotzdem in den meisten Schulen angeboten. Die Katholische Kirche unterhält ein Netzwerk von Schulen in den neun Diözesen des Landes; die Verwaltung der Schulen wird vom Dachverband Enseignement catholique associé de Centrafrique (ECAC) auf Grundlage einer Vereinbarung mit dem Bildungsministerium koordiniert. Ausländer, die im
Auftrag des ECAC arbeiten, erhalten eine kostenlose Aufenthaltsgenehmigung. In unmittelbarer Nähe des Campus der staatlichen Universität von Bangui befindet sich ein katholisches Hochschulzentrum, das von Jesuiten geleitet wird und ein breites Spektrum an seelsorgerischen und kulturellen Aktivitäten anbietet.

Die wichtigsten christlichen Feste (Karfreitag, Ostern, Christi Himmelfahrt, Mariä Himmelfahrt, Allerheiligen und Weihnachten) sind auch gesetzliche Feiertage. Seit 2017 sind die Hauptfeste der Muslime – Eid al-Fitr (Fest des Fastenbrechens) und Eid al-Adha (Opferfest) – ebenfalls gesetzliche Feiertage; damit ist die Regierung der Empfehlung einer nationalen Versöhnungskonferenz gefolgt.

Vorkommnisse

Nach einigen Monaten des Friedens zu Beginn des Jahres 2016 fiel das Land wieder zurück in die interreligiösen Konflikte, die 2012 ihren Anfang genommen hatten. [5] Am 7. Januar 2018 gab es in der ZAR nach Angaben des UN-Amtes für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) 630.000 Binnenvertriebene; weitere 545.000 Menschen waren in die Nachbarstaaten geflohen. Dies sind die höchsten Zahlen seit Beginn der Krise. [6]

Im Berichtszeitraum hat es zahlreiche Fälle von Diskriminierung und gewaltsamen Übergriffen gegeben, darunter auch Rachemorde zwischen unterschiedlichen Gemeinschaften. Während Gewaltausbrüche in der Hauptstadt Bangui noch relativ schnell unter Kontrolle gebracht werden können, ist dies in weiten Teilen des Landes nicht ohne Weiteres möglich, denn in der ZAR sind mindestens 14 verschiedene Milizen aktiv. Ob die Ordnung wiederhergestellt werden kann, hängt im Einzelfall davon ab, wie rasch die UN-Mission MINUSCA [7] eingreift und inwieweit es der Katholischen Kirche gelingt, als Vermittlerin zu fungieren.

Mitglieder der Islamischen Gemeinschaft berichteten über fortdauernde Diskriminierung, u. a. bei der Regierungsbildung. So zeigten sich islamische Verbände enttäuscht darüber, dass der ersten Regierung unter Staatspräsident Faustin Archange Touadéra im Jahr 2016 nur vier Muslime angehörten und im Büro
des Präsidenten und des Premierministers kein einziger muslimischer Vertreter war. Bei einer Kabinettsumbildung am 12. September 2017 wurden vier weitere Posten mit Muslimen besetzt, und drei Muslime wurden zu hochrangigen Beratern des Präsidenten ernannt. Unter den neuen Präfekten, die Touadéra vier Tage später für die 16 Verwaltungsbezirke des Landes benannte, waren allerdings keine Muslime.

Zahlreichen Zeugenberichten zufolge wurden muslimische Lastwagenfahrer bei Fahrzeugkontrollen systematisch herausgegriffen und in der Folge von Polizisten, Gendarmen oder Soldaten schikaniert und abkassiert, bevor sie weiterfahren durften. [8]

In der Hauptstadt lösten manche Zwischenfälle eine Kettenreaktion von Vergeltungsmassnahmen aus. Am 19. Juni 2016 wurden 26 Muslime, die in einem von der MINUSCA begleiteten Konvoi unterwegs waren, gestoppt und zur Befragung in einen Aussenbezirk von Bangui gebracht. Darauf reagierte eine bewaffnete Gruppe aus der muslimischen Enklave Banguis – dem Stadtviertel, das unter dem Namen „Kilomètre 5“ bzw. PK5 bekannt ist – mit der Entführung von sechs Polizeibeamten. Am folgenden Tag versuchten dieselben Milizionäre, die örtliche Polizeistation in ihre Gewalt zu bringen und eröffneten das Feuer auf die dort zum Schutz abgestellten Soldaten des ruandischen MINUSCA-Kontingents. Im weiteren Verlauf wurden acht Angreifer getötet und dreizehn weitere verletzt. Daraufhin intensivierten sich die Spannungen in der Hauptstadt, und in einem überwiegend von Christen bewohntem Nachbarviertel von PK5 wurde Berichten zufolge ein Muslim entführt und ermordet. Die entführten Polizisten kamen nach einer Woche in Gefangenschaft wieder auf freien Fuss. [9]

Am 4. Oktober 2016 gab ein Schütze, der offenbar einer muslimischen Miliz angehörte, tödliche Schüsse auf das Fahrzeug des Offiziers Marcel Mombeka ab. Dabei wurde auch dessen 14-jähriger Sohn verletzt. Kurz darauf wurde ein muslimischer Mototaxifahrer von einer Gruppe Soldaten getötet. Dieselben
Soldaten ermordeten auch drei Hirten der muslimischen Fulani-Volksgruppe, die sich in der Nähe des Schlachthofs von Bangui aufhielten. Um 16:40 Uhr gingen die ersten Meldungen zu Kampfhandlungen zwischen verfeindeten Gruppierungen nahe der Kirche im Stadtviertel Fatima ein, bei denen insgesamt elf Menschen zu Tode kamen; 22 Verletzte mussten nach Angaben der MINUSCA in städtischen Krankenhäusern behandelt werden.

Um die religiöse Gewalt zu stoppen, wurde die Kirche um Unterstützung gebeten. Nach den Ereignissen des 4. Oktober 2016 rief der Erzbischof von Bangui, Kardinal Dieudonné Nzapalainga, zu einem Friedensmarsch auf, der am 12. Oktober aus dem 3. Arrondissement in die Enklave PK5 und wieder zurück führte. Darüber hinaus traf der Kardinal Vertreter der Milizen, darunter auch einen ihrer Anführer namens Abdoul Danda, der ihm einen Mann übergab, welcher zwei Wochen lang als Geisel festgehalten worden war.

In anderen Fällen haben die Auseinandersetzungen zur Vertreibung ganzer Gemeinschaften geführt. Am 20. Januar 2017 steckten bewaffnete Männer der Miliz um Youssouf Sy, genannt „Big Man“, eine Notunterkunft in Brand, die nahe der zerstörten Baptistenkirche im Viertel Gbaya Dombia (3. Arrondissement) als Gebetsstätte genutzt wurde. Nachdem die Baptisten die Unterkunft wiederaufgebaut hatten, brannten dieselben Milizionäre sie am 24. Januar erneut nieder. Sie hinterliessen eine Nachricht am Tatort, mit der sie ankündigten, sie würden nicht zulassen, dass eine einzige Kirche erneuert werde, bevor man nicht auch Moscheen wiederaufbaute. Daraufhin zogen die Baptistenpastoren mit ihrer Kirche in das benachbarte christliche Viertel Boeing um. [10]

Auch das Vorgehen der Polizei setzt oft eine Spirale von Vergeltung und Wiedervergeltung in Gang, der häufig auch Christen zum Opfer fallen. Am 7. Februar 2017 wurden der Milizenchef „Big Man“ und sein Stellvertreter im Viertel PK5 von Polizisten erschossen. Später am Abend erstachen seine Anhänger den evangelischen Pfarrer Jean-Paul Sankagui, der in seine Kirche im Viertel Ramandji gegangen war, um Gemeindemitglieder zu besuchen, die dort Zuflucht gesucht hatten. Sankagui war in PK5 eine sehr geachtete Persönlichkeit.

Allerdings wurden in der Hauptstadt auch einige bemerkenswerte Initiativen ins Leben gerufen, um die Beziehungen zwischen christlichen und muslimischen Gemeinschaften zu verbessern. Nachdem die Repräsentanten der verschiedenen Gemeinschaften aus PK5 und Boeing am [11]. Februar 2016 einen
Nichtangriffspakt unterzeichneten hatten, konnten die Muslime wieder ihren Friedhof nutzen, der fünf Kilometer von PK5 entfernt ist. Vorher war es ihnen unmöglich, den Friedhof in Boeing zu besuchen, da ihnen die Feindseligkeit der überwiegend christlichen Bewohner des Viertels entgegenschlug.

Seit Mitte des Jahres 2016 gibt es Bemühungen, mindestens acht Moscheen in überwiegend christlichen Wohngegenden zu erneuern. Damit ist ein Anflug von Normalität und Bewegungsfreiheit in viele Bezirke der Hauptstadt zurückgekehrt. Ausserhalb von PK5 waren alle Moscheen in Bangui zu Beginn des Jahres 2014 von Anti-Balaka 11 -Milizionären zerstört worden. [12]

Auch die Zivilbevölkerung beteiligt sich an der interreligiösen Zusammenarbeit. In Banguis 5. Arrondissement waren einmal 20.000 Muslime [13] zu Hause; Anfang 2014 wurden sie von den Anti- Balaka vertrieben. Seit Januar 2017 bemüht sich das von christlichen Bewohnern gegründete Comité de retour (Rückkehrkomitee) mit Unterstützung der MINUSCA, die Nachbarschaft für die Problematik zu sensibilisieren. Bis zum Ende des Jahres 2017 konnten 80 muslimische Familien überzeugt werden, wieder in das Viertel zu ziehen. Im Rahmen der Versöhnungsbemühungen wurde auch die Hauptmoschee des Bezirks im Viertel Malimaka anlässlich des Fests des Fastenbrechens zum Ende des Ramadan am 25. Juni 2017 wiedereröffnet.

Doch fernab der Hauptstadt sieht es anders aus. Der Rest des Landes wurde im Zeitraum 2016-2017 und auch in den ersten Monaten des Jahres 2018 immer wieder von immenser Gewalt erschüttert. Insgesamt 14 bewaffnete Gruppen (darunter auch animistische Milizen) sind in die religiösen Auseinandersetzungen verwickelt.

In der Stadt Bangassou im Südosten der ZAR, die seit Ende 2013 frei von Milizen war und in der das Zusammenleben von Christen und Muslimen gut funktionierte, änderte sich die Lage am 13. Mai 2017 dramatisch, als selbsternannte militante Bürgerwehren aus umliegenden Dörfern die Stadt überfielen und ihre muslimischen Bewohner ins Visier nahmen. Über 70 Menschen wurden an diesem Tag getötet; mehr
als 2.000 Muslime flüchteten in die Moschee, die von den Milizionären umstellt wurde. Dem Eingreifen des katholischen Bischofs Msgr. Juan José Aguirre ist es zu verdanken, dass ein noch grösseres Blutbad verhindert wurde. Am folgenden Tag brachten MINUSCA-Blauhelme die Muslime ins Hauptquartier der Diözese. Wegen der anhaltenden Bedrohung durch die Selbstverteidigungsmiliz harren sie weiter dort aus. [14]

Einige der jungen Muslime, die in Bangassou vertrieben wurden, haben sich zunehmend radikalisiert und sich Zugang zu Schusswaffen verschafft. In Anbetracht der gespannten Lage haben sie in vielen Fällen ausgerechnet die Institution angegriffen, die ihnen Schutz geboten hat. So sind sie mehrere Male in Büros und Wohngebäude der Diözese eingebrochen und haben diese geplündert. Am 5. Januar 2018 wurde Pater Alain Bissialo, der dem örtlichen Ausschuss für Frieden und Versöhnung vorsitzt, im Pfarrheim des Viertels Tokoyo angegriffen. Am 9. April 2018, nach einwöchigen Verhandlungen unter der Vermittlung von Kardinal Nzapalainga und Imam Kobine Layama, unterzeichneten die bewaffneten Gruppen in Bangassou schliesslich ein Friedensabkommen, das den Menschen Bewegungsfreiheit zusicherte und auch die vertriebenen Muslime auf dem Diözesangelände einschloss. [15] Trotzdem flammte die Gewalt im Februar und März erneut auf, und ein Priester war gezwungen, Bangassou endgültig zu verlassen. Seit dem Überfall auf Bangassou haben sich die interreligiösen Konflikte schnell auch auf andere Orte im Osten der ZAR ausgeweitet, darunter Bakouma, Nzako, Gambo, Bema, Pombolo, Rafai, Mboki und
Zemio.

Darüber hinaus sind ausländische Milizen in Erscheinung getreten, deren Ziel es ist, in der ZAR Land an sich zu reissen. In Zemio verübten Rebellen, die offenbar mit der sudanesischen Dschandschawid-Miliz in Verbindung stehen, am 2. September 2017 einen Anschlag. Dabei wurde Pater Louis Tongagnessi, ein
ehemaliger Priester, der an einer Sekundarschule unterrichtete, ermordet, als er versuchte, sich in Sicherheit zu bringen. [16] Einen Tag zuvor hatten Pater Jean-Alain Zimbi und Pater Desiré Blaise Kpangou – zwei Diözesanpriester, die die katholische Pfarrgemeinde der Stadt in ihrer Obhut hatten – zusammen
mit 15.000 Menschen, die mehrere Wochen lang in ihrer Kirche Zuflucht gesucht hatten, den nahegelegenen Fluss Mbomou überquert, um in die Demokratische Republik Kongo zu gelangen. Kurz nach ihrer Flucht wurde das Kirchengelände von bewaffneten Männern gestürmt und geplündert. Darüber hinaus wurde von zahlreichen Fällen berichtet, in denen die Anti-Balaka muslimische Dörfer überfielen und niederbrannten.

Auch in Bria (ebenfalls im Osten der ZAR) gab es heftige Kämpfe zwischen einer Miliz des ehemaligen Séléka-Bündnisses [17] und den Anti-Balaka. Am 4. September 2017 entging der Gemeindepfarrer Ephrem Pounaba nur knapp einem Mordanschlag der Ex-Séléka-Kämpfer. Etwa zur gleichen Zeit wurde ein polnischer Priester, der im Rahmen der Fidei Donum-Mission in Ngaoundaye (Diözese von Bouar,
Nordwesten der ZAR) tätig war, von einer weiteren Séléka-Splittergruppe entführt. [18]

Die Katholische Kirche setzte sich in Krisengebieten weiter für den interreligiösen Dialog ein und wurde dabei häufig selbst Opfer der Verfolgung durch die beteiligten Konfliktparteien. So erging es zum
Beispiel zwei katholischen Priestern, die in Kembé das katholisch-protestantisch-muslimische Forum

Union des Confessions Religieuses de Kembé pour la Paix (Union der Religionsgemeinschaften von Kembé für den Frieden) ins Leben gerufen hatten. [19]

Der interreligiöse Dialog scheiterte in Kembé; es kam zu Diebstählen, Entführungen und grossflächiger Zerstörung von Hab und Gut. „Am Freitag, den 22. September 2017, kamen gegen vier Uhr nachmittags die Anti-Balaka in das Dorf Caf-Bangui, um dort Ziegen zu stehlen, und liessen vierzig tote Menschen
zurück. Am nächsten Tag hatten die Ex-Séléka Verstärkung erhalten und überfielen das Dorf Mbingo in zehn Kilometer Entfernung von Kembé. Die katholischen und evangelischen Kirchen in Kembé nahmen viele Vertriebene aus Caf-Bangui auf, doch die Ex-Séléka befahlen die Räumung der Kirchen. Einige Zeit später, am 10. Oktober, geriet ganz Kembé unter schweren Beschuss, nachdem 1.800 Kämpfer aus
Bangassou und Mingala die Stadt eingekesselt hatten. Die Kämpfe, die um vier Uhr morgens begannen und bis zum nächsten Mittag andauerten, forderten 150 Todesopfer.” [20] Die Priester äusserten ihr Bedauern darüber, dass sich viele junge Katholiken und auch einige Gemeinderäte und Katecheten den Anti-Balaka angeschlossen und sich damit gegen sie gewendet hatten. Schliesslich verliessen sie Kembé, um ihr eigenes Leben zu retten.

Während des Angriffs auf Kembé am 10. Oktober stürmten die Anti-Balaka auch die Moschee, in der Berichten zufolge 44 Menschen – überwiegend Muslime, aber auch einige Christen – Zuflucht gesucht hatten. Mindestens 26 von ihnen wurden getötet. [21] Der protestantische Pfarrer Jean-Fernand Dangouin sah sich gezwungen, Kembé zu verlassen, als dort zwischen dem 5. und 10. Januar 2018 heftige Auseinandersetzungen zwischen Milizionären der Union pour la paix en Centrafrique (UPC; Union für den Frieden in der ZAR) und verschiedenen Bürgerwehren tobten. [22]

In der Präfektur Ouaka wurde Pater Joseph Désiré Angbabat am 21. März 2018 während eines Angriffs der UPC auf die Stadt Séko schwer verwundet. Er wurde in seiner Pfarrkirche Saint Charles Lwanga angeschossen, wo er vielen Zivilisten Zuflucht geboten hatte. Er konnte zunächst in Sicherheit gebracht werden, erlag aber zwei Tage später seinen Verletzungen. [23]

Ebenfalls in der Präfektur Ouaka stiessen Soldaten der MINUSCA-Friedenstruppe am 3. April 2018 nahe einer Kirche in Tagbara (60 km nordöstlich von Bambari) auf die Leichen von 21 Zivilisten, darunter vier Kinder. Ersten Ermittlungen zufolge zeichnen Milizionäre einer Bürgerwehr für das Massaker verantwortlich. Einen Tag später wurden grauenhafte Fotos des Geschehens auf Facebook gepostet; sie waren mit der Anmerkung versehen, dass es sich bei den Opfern um Muslime handele, die wegen ihrer Religion sterben mussten. Einige der Toten waren enthauptet worden; einer schwangeren Frau hatte man den Unterleib aufgeschlitzt. [24]

Trotz der Fortschritte, die Bangui in Richtung Religionsfreiheit und besserer Beziehungen zwischen den Glaubensgemeinschaften gemacht hat, ereignete sich in der Hauptstadt am 1. Mai 2018 ein schwerwiegender Vorfall. Vermutlich muslimische Milizionäre einer im Viertel PK5 basierten Bürgerwehr, die von Amineri Matar alias „Force“ angeführt wird, stürmten die Kirche Notre-Dame de Fatima, als dort die Messe stattfand. Das Rote Kreuz der ZAR meldete am 2. Mai, dass bei dem Anschlag
27 Menschen getötet und 170 verletzt wurden. [25]

Unter den Todesopfern war auch Pater Albert Toungoumale-Baba, ein hochgeachteter Diözesanpriester, der viele Jahre eine herausragende Rolle im Versöhnungsprozess von Muslimen und Christen in Bangui gespielt hatte. Nach dem Blutbad trug eine zornige Menge von mehr als 1.000 Menschen seinen Leichnam durch die Strassen bis zum Präsidentenpalast. Hier wurden die Demonstranten von der Polizei auseinander getrieben, die Warnschüsse in die Luft abgab. Einige begaben sich daraufhin in das Viertel Lakouanga, in dem viele Muslime leben, und zerstörten die dortige Moschee grösstenteils. Darüber hinaus wurden zwei Muslime bei lebendigem Leibe verbrannt. [26]

Perspektiven für die Religionsfreiheit

Im Berichtszeitraum haben sich die Bedingungen für die Religionsfreiheit in der Zentralafrikanischen Republik erheblich verschlechtert. Obgleich hochrangige Vertreter von Religionsgemeinschaften immer wieder abgestritten haben, dass der Konflikt in dem Land religiöser Natur sei, wurden eindeutig zahlreiche Gewalttaten begangen, bei denen Einzelpersonen oder ganze Gemeinschaften gezielt angegriffen wurden, weil sie sich zu einem bestimmten Glauben bekennen. Da auf etwa 80% des Staatsgebiets verschiedene bewaffnete Gruppen aktiv sind und der Konflikt vielerorts eskaliert, ist davon auszugehen, dass es um die Zukunft der Religionsfreiheit in der ZAR schlecht bestellt ist.

„Im Berichtszeitraum haben sich die Bedingungen für die Religionsfreiheit in der
Zentralafrikanischen Republik erheblich verschlechtert. Obgleich hochrangige Vertreter von Religionsgemeinschaften immer wieder abgestritten haben, dass der Konflikt in dem Land religiöser Natur sei, wurden eindeutig zahlreiche Gewalttaten begangen, bei denen Einzelpersonen oder ganze Gemeinschaften gezielt angegriffen wurden, weil sie sich zu einem bestimmten Glauben bekennen.“

Endnoten / Quellen

[1] Siehe auch Central African Republic’s Constitution of 2004 with Amendments through 2010, constituteproject.org, https://www.constituteproject.org/constitution/Central_African_Republic_2010.pdf?lang=en, (abgerufen am 5. Juni 2018).

[2] Bureau of Democracy, Human Rights and Labor, ‘Central African Republic', International Religious Freedom Report for 2016, U.S. State Department, https://www.state.gov/j/drl/rls/irf/2016/, (abgerufen am 5. Juni 2018).

[3] Gespräch am 6. Januar 2018 mit einem ausländischen katholischen Priester, der seit 2011 in der ZAR tätig ist.

[4] Persönliche Beobachtung des Autors, der sich seit Mitte 2012 regelmässig in der ZAR aufhält.

[5] Ausführliche Beschreibungen der meisten gewaltsamen Zwischenfälle in der ZAR im Zeitraum 2016-2017 finden sich in den Berichten der UN-Sachverständigengruppe, die jedes Jahr einen Halbzeit- und einen Abschlussbericht veröffentlicht. Die Berichte können hier eingesehen werden: Security Council Committee established pursuant to resolution 2127 (2013) concerning the Central African Republic, Security Council Subsidiary Organs, https://www.un.org/sc/suborg/en/sanctions/2127/panel-of-experts/reports, (abgerufen am 5. Juni 2018).

[6] United Nations Office for the Coordination of Humanitarian Affairs (OCHA), Central African Republic (CAR), http://www.unocha.org/car, (abgerufen am 5. Juni 2018).

[7] Mehrdimensionale integrierte Stabilisierungsmission der Vereinten Nationen in der Zentralafrikanischen Republik, besser bekannt unter dem französischen Akronym MINUSCA (Mission multidimensionnelle intégrée des Nations unies pour la stabilisation en République centrafricaine).

[8] Drei Begegnungen im Jahr 2017 mit Ali Ousmane, Vorsitzender der Coordination des Organisations Musulmans de Centrafrique (COMUC; Koordinierungsstelle der muslimischen Organisationen in der ZAR).
[9] Diesen Zwischenfall sowie die weiteren Ereignisse in Bangui hat der Autor vor Ort dokumentiert; er war 2016, einen Grossteil des Jahres 2017 und in den ersten Monaten des Jahres 2018 beruflich in Bangui tätig.

[10] Der Autor hat den Ort besucht, an dem die Unterkunft niedergebrannt wurde, und in den Tagen nach den Anschlägen mit den Baptistenpastoren gesprochen.

[11] Die Anti-Balaka werden oft irrtümlich als „christliche“ Miliz bezeichnet; sie hatten sich ursprünglich als Bürgerwehr formiert, um ihre Dörfer zu schützen. Siehe “Repair of a vehicle for the diocese of Bambari, following the rebel attacks”, Aid to the Church in Need Canada, 13. März 2015, https://acn-canada.org/tag/anti-balaka-en/, (abgerufen am 6. Juni 2018).

[12] Der Imam der Moschee von Petevo, Abdoulaye Washelege, sprach Kardinal Nzapalainga, der die Gemeinde mit 400.000 CFA (ca. 670 CHF) unterstützte, und zwei weiteren christlichen Gemeinden aus Petevo, die für den Wiederaufbau der Moschee gespendet hatten, seinen Dank aus. Gespräch mit dem Autor am 23. Juni 2017.

[13] Interview mit dem Bürgermeister des 5. Arrondissements von Bangui, Alain Yemo, im April 2017.

[14] Gespräche mit dem Bischof von Bangassou, Juan José Aguirre, und seinem Weihbischof Jesús Ruiz am 7. Januar 2018 in Bangui.

[15] Judicael Yongo, “Centrafrique : Les groupes armés signent un accord de paix à Bangassou pour faciliter la libre circulation des personnes et des biens”, Réseau des Journalistes pour les Droits l’Homme, 11. April 2018, http://rjdh.org/centrafrique-les-groupes-armes-signent-un-accord-de-paix-a-bangassou-pour-faciliter-la-libre-circulation-des-personnes-et-des-biens/, (abgerufen am 5. Juni 2018).

[16] Ngala Killian Chimtom, “Cardinal laments deadly year for Church in Central African Republic”, Crux, 16. Januar 2018, https://cruxnow.com/global-church/2018/01/16/cardinal-laments-deadly-year-church-central-african-republic/, (abgerufen am 6. Juni 2018).

[17] Diese ehemalige Séléka-Gruppierung nennt sich Front populaire pour la renaissance de la Centrafrique (FPRC; Volksfront für die Wiedergeburt der ZAR).

[18] Diese ehemalige Séléka-Gruppierung nennt sich Mouvance pour la Paix en Centrafrique (MPC; Bewegung für den Frieden in der ZAR).

[19] Der Autor hatte Zugang zu einem Tagebuch, das die beiden Priester im September und Oktober 2017 führten und anschliessend an ihren Bischof sandten, der es vielen Priestern zur Ansicht gab.

[20] Ibid.

[21] UN-Sachverständigengruppe für die Zentralafrikanische Republik, Dezember 2017.

[22] “Centrafrique: Le récit du drame de la Basse-Kotto avec le poignant témoignage du Pasteur Jean Dangouin”, Bangui.com, 28. Februar 2018, http://news.abangui.com/h/61985.html (abgerufen am 5. Juni 2018).

[23] Offizielle Erklärung von Bischof Richard Appora (Diözese Bambari) vom 23. März 2018.

[24] Collectif des Musulmans Centrafricains (CMC; Kollektiv der Muslime in der ZAR),
https://www.facebook.com/groups/284717978724883/about/, (abgerufen am 5. Juni 2018).

[25] Die Wiedergabe dieses Vorfalls basiert auf Gesprächen des Autors am 1. Mai 2018 mit einigen seiner persönlichen Kontakte aus Bangui, darunter Geistlichen der Kirche Notre-Dame de Fatima.

[26] “RCA: l’église Notre-Dame de Fatima attaquée, flambée de violences à Bangui”, RFI Afrique, 2. Mai 2018, http://www.rfi.fr/afrique/20180501-rca-eglise-notre-dame-fatima-bangui-attaquee, (abgerufen am 5. Juni 2018).

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