Religion

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Gesetzeslage zur Religionsfreiheit und deren faktische Anwendung

Die Verfassung der Republik Kamerun wurde 1972 verabschiedet und zuletzt im Jahr 2008 geändert. In der Präambel wird erklärt, dass „der Mensch ohne Unterschied der Rasse, der Religion, des Geschlechts oder des Glaubens unveräusserliche und heilige Rechte besitzt.“ Weiter heisst es: „Niemand darf aufgrund seiner Herkunft, seiner religiösen, philosophischen oder politischen Ansichten oder Überzeugungen behelligt werden, unter der Bedingung, dass er die öffentliche Ordnung respektiert.“ [1]

Darüber hinaus schreibt die Verfassung die „Neutralität und Unabhängigkeit” des säkularen Staats gegenüber allen Religionen fest. Dementsprechend ist die Religions- und Kultusfreiheit in Artikel 18 garantiert: „Jeder hat das Recht auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit; dieses Recht schliesst auch die Freiheit ein, seine Religion oder seinen Glauben zu wechseln, und die Freiheit, seine Religion oder seinen Glauben entweder allein oder in Gemeinschaft mit anderen, sowohl im öffentlichen als auch im privaten Raum, durch Lehre, Gottesverehrung, Bräuche und Riten zu bekunden.“

Der Gesetzgeber verlangt, dass Religionsgemeinschaften eine staatliche Genehmigung einholen müssen, bevor sie in Kamerun tätig werden, und räumt dem Staatspräsidenten die Möglichkeit ein, bestehende Religionsgemeinschaften aufzulösen. Trotzdem gehen landesweit Hunderte Religionsgemeinschaften ungehindert ihrer Tätigkeit nach, ohne dass sie über eine offizielle Genehmigung verfügen. Seit 2010 wurde in Kamerun keine neue Religionsgemeinschaft staatlich registriert. Registrierte Gemeinschaften dürfen Immobilien erwerben und geniessen gewisse Steuervorteile; darüber hinaus können ihre ausländischen Missionare längerfristige Visa beantragen. [2]

Es heisst, dass die Muslime in der Region Extrême-Nord (Hoher Norden) Kameruns seit jeher über beträchtliche politische und wirtschaftliche Macht verfügen. Vertreter christlicher Gemeinschaften beklagen häufig – zumindest wenn sie unter sich sind –, dass dies de facto dazu führe, dass Kirchen ein langwieriges bürokratisches Prozedere in Kauf nehmen müssen, wenn sie Gotteshäuser oder
Gebäude für ihre sozialen Aktivitäten errichten wollen. [3]

Im Gegensatz zu staatlichen Schulen dürfen Privatschulen Religionsunterricht anbieten. Religiöse Privatschulen dürfen nur unter der Voraussetzung betrieben werden, dass sie hinsichtlich Bildungsangebot und Infrastruktur dieselben Standards erfüllen wie öffentliche Schulen. [4]

Die folgenden religiösen Feste sind gesetzliche Feiertage: Weihnachten, Karfreitag, Ostern, Christ Himmelfahrt, Mariä Himmelfahrt, Eid al-Fitr (Fest des Fastenbrechens), Eid al-Adha (Opferfest) und der Geburtstag des Propheten.

Vorkommisse

Am 31. Mai 2017 verschwand der Bischof von Bafia, Jean-Marie Benoît Balla, aus seinem Wohnhaus. Am 2. Juni fand ein Fischer seine Leiche im Fluss Sanaga. Nachdem zunächst Berichte kursierten, dass es sich möglicherweise um einen Suizid handle, gab die Katholische Bischofskonferenz von Kamerun schliesslich am 13. Juni zum Abschluss einer ausserordentlichen Vollversammlung bekannt, dass Bischof Balla ihrer Meinung nach ermordet worden sei. Die Bischöfe forderten in ihrer Stellungnahme, dass die Täter „namentlich identifiziert und der Justiz übergeben und nach dem Gesetz verurteilt werden“. Der Staat müsse „seiner Pflicht nachkommen, menschliches Leben zu schützen, insbesondere dasjenige kirchlicher Würdenträger“. Sie führten ausserdem vier weitere Morde an Kirchenmännern an, die bis ins Jahr 1988 zurückreichen und niemals aufgeklärt wurden: Joseph Mbassi (gest. 1988); Antony Fontegh (gest. 1990); Yves Plumey, emeritierter Erzbischof von Garoua (gest. 1991) und Engelbert Mveng (gest. 1995).

Die Stellungnahme der Bischöfe stand im Widerspruch zur Darstellung der Ereignisse durch den Staatsanwalt am Berufungsgericht der Region Centre (Zentrum), in der die Stadt Bafia liegt. Demnach hätten keine Beweise für eine Gewalteinwirkung auf den Körper des Bischofs vorgelegen, und Ertrinken sei die wahrscheinlichste Todesursache gewesen. [5] Die Online-Zeitung Journal du Cameroun berichtete, dass der Geländewagen des Bischofs am 1. Juni zehn Meilen flussaufwärts auf einer Brücke in der Hauptstadt Yaoundé entdeckt wurde und eine handgeschriebene Notiz mit den Worten „Je suis dans l’eau“ („Ich bin im Wasser“) zwischen Papieren auf dem Beifahrersitz lag. Die Nachrichtenagentur Camernews meldete, dass ein Gerichtsmediziner bei der Obduktion Anzeichen für Folter sowie Hinweise darauf gefunden hätte, dass der Bischof bereits tot war, als er ins Wasser gelegt wurde. Zum Zeitpunkt, da der vorliegende Länderbericht verfasst wird, waren die Täter noch nicht identifiziert, und über zahlreiche Umstände des Falls herrschte weiterhin Unklarheit. In der Kathedrale von Bafia wurden Gottesdienste abgesagt, nachdem man dort verschiedene Anzeichen entdeckt hatte, die gemeinhin mit Hexerei in Verbindung gebracht werden (u. a. frisches Blut). [6]

Der englischsprachige Westen Kameruns, der seit 2016 von gewaltsamen Protesten erschüttert wird, war im Berichtszeitraum der Schauplatz diverser Ereignisse, die führende religiöse Vertreter als Angriffe auf die Religionsfreiheit verurteilten. Im Oktober 2017 prangerten die katholischen Bischöfe der Kirchenprovinz Bamenda den „barbarischen und unverantwortlichen Schusswaffengebrauch der Sicherheitskräfte gegen die unbewaffnete Zivilbevölkerung” [7] an; sie zeigten sich besonders beunruhigt angesichts der Tatsache, dass mehrere Kirchgänger, die sich auf den Weg zur Sonntagsmesse machten, „aus ihren Häusern gejagt wurden; einige wurden festgenommen, während andere – darunter wehrlose Jugendliche und ältere Menschen – erschossen wurden, vor allem aus Kampfhubschraubern“.

Die Region Extrême-Nord, in der eine gemischte Bevölkerung von Muslimen und Christen lebt, wurde auch weiterhin von zahlreichen Anschlägen der nigerianischen Terrormiliz Boko Haram heimgesucht. Letztere hat seit 2014 ihren blutigen Feldzug der Massengewalt auf Kamerun ausgeweitet. Berichten zufolge ist die Zahl der bewaffneten Anschläge von Boko Haram in den Jahren 2017 und 2018 leicht zurückgegangen. Dies kann auf die militärische Schwächung des sogenannten Islamischen Staats (IS) im Nahen Osten zurückgeführt werden, dem sich Boko Haram formell angeschlossen hat. Im Mai 2017 rief der Conseil des Imams et Dignitaires musulmans du Cameroun (CIDIMUC; Rat der Imame und muslimischen Würdenträger Kameruns) wiederholt zum interreligiösen Dialog und zu religiöser Toleranz auf.

In den Gebieten Kameruns, in denen Boko Haram agiert, gibt es eine lange Tradition der interreligiösen Kooperation zwischen Christen und Muslimen, die sich durch viele bemerkenswerte Initiativen zur Förderung eines friedlichen Zusammenlebens auszeichnet; beispielhaft seien die Aktionen der katholischen Diözese Maroua-Mokolo unter der Leitung ihres Bischofs Msgr. Bruno Ateba Edo (seit 2014) genannt. Lokalen Medienberichten zufolge gab es einige Fälle, in denen Christen während der Gebetszeiten der Muslime vor ihren Moscheen Wache hielten und Muslime im Gegenzug an Sonntagen die Kirchen schützten – ein „Frühwarnmechanismus“ zur Minimierung des
Risikos von Überraschungsangriffen.

Einige Imame im Norden Kameruns argumentieren weiterhin, dass es bei Boko Harams
Gewaltkampagne nicht um Religion gehe, sondern um politischen Extremismus und Terrorismus. Manche sagen, das grösste Problem seien nicht interreligiöse Spannungen, sondern ein intrareligiöser Konflikt des Islam, bei dem der Wahhabismus gegen die traditionell im Land überwiegenden gemässigteren Strömungen ausgespielt wird. In diesem Zusammenhang ist allerdings auch anzumerken, dass die Gewalt von Boko Haram dazu geführt hat, dass viele gewöhnliche Christen in
Kamerun mittlerweile eine negative Wahrnehmung des Islam haben, weil sie ihn mit Boko Haram in Verbindung bringen. Dies wiederum führt zu einer zunehmenden Stigmatisierung der Muslime in der Region.

Die 2006 gegründete und landesweit aktive Association Camerounaise pour le Dialogue Interreligieux (ACADIR; Kamerunische Vereinigung für interreligiösen Dialog) leistet einen verdienstvollen Beitrag zur Gestaltung guter Beziehungen zwischen Katholiken, Protestanten und Muslimen im Land. Im Jahr 2017 wurde ACADIR die Verantwortung für die Entwicklung von Wiedereingliederungsprogrammen für ehemalige Boko-Haram-Kämpfer übertragen.

In Maroua haben Christen und Muslime im Jahr 2015 das Maison de la Rencontre (Haus der Begegnung) gegründet. Es befindet sich im Stadtteil Dongo und wird von einem Ausschuss geleitet, der sich aus drei Muslimen, drei Katholiken, zwei Protestanten und einem Orthodoxen zusammensetzt. Die Begegnungsstätte setzt sich für den islamisch-christlichen Dialog ein und veranstaltet regelmässig Workshops für Jugendliche, Frauen, kommunale Entscheidungsträger und andere Zielgruppen. [8]

Perspektiven für die Religionsfreiheit

Die Gewalt der Boko Haram im Norden Kameruns dauerte in den letzten Jahren an, obgleich militärische Initiativen wie Anti-Terror-Einsätze einerseits und die interne Schwächung der Terrororganisation Islamischer Staat andererseits dazu beigetragen haben mögen, dass die Zahl gewaltsamer Übergriffe derzeit rückläufig ist. Während es durchaus vorbildliche Bemühungen zur Schaffung guter interreligiöser Beziehungen gibt, hat die Natur des Konflikts unter Christen in gewissem Ausmass auch Feindseligkeit bzw. eine negative Wahrnehmung gegenüber Muslimen hervorgebracht. Neben dieser Entwicklung (die sich im Berichtszeitraum weiter fortsetzte) geben auch die Angriffe auf Gottesdienstbesucher im Zuge des neuen Konflikts im anglophonen Westen Kameruns sowie der mysteriöse Tod des Bischofs von Bafia Anlass zur Sorge. Sollten die zuständigen staatlichen Stellen es versäumen, diesen Konfliktherden in den nächsten Jahren die gebührende Aufmerksamkeit zu widmen, ist zu befürchten, dass sich die Situation der Religionsfreiheit verschlechtern könnte.

„Die Gewalt der islamistischen Terrormiliz Boko Haram im Norden Kameruns dauerte in den letzten Jahren an. Während es durchaus vorbildliche Bemühungen zur Schaffung guter interreligiöser Beziehungen gibt, hat die Natur des Konflikts bei Christen in gewissem Ausmass auch Feindseligkeit bzw. eine negative Wahrnehmung gegenüber Muslimen hervorgebracht.“

Endnoten / Quellen

[1] Constitution of the Republic of Cameroon, 18. Januar 1996. http://confinder.richmond.edu/admin/docs/Cameroon.pdf, (abgerufen am 2. Mai 2018).

[2] Bureau of Democracy, Human Rights, and Labor, ‘Cameroon’, Report on International Religious Freedom for 2016, U.S. Department of State www.state.gov/j/drl/rls/irf/religiousfreedom/index.htm#wrapper, (abgerufen am

[2]. Mai 2018).

[3] Gespräch mit einem Priester, der in der Region Extrême-Nord arbeitet, am 10. April 2018.

[4 Bureau of Democracy, Human Rights, and Labor, ‘Cameroon’, Report on International Religious Freedom for 2016, U.S. Department of State www.state.gov/j/drl/rls/irf/religiousfreedom/index.htm#wrapper, (abgerufen am 2. Mai 2018).

[5] AFP, News 24 Africa. ‘'Signs of violence' on body of murdered Cameroon bishop’, 12. Juli 2017. https://www.news24.com/Africa/News/signs-of-violence-on-body-of-murdered-cameroon-bishop-20170712 (abgerufen am 2. Mai 2018).

[6] Vertrauliches Gespräch mit einem Priester, der in Kamerun arbeitet, im März 2018.

[7] N.K. Chimtom, Crux Now. ‘Catholic bishops, government clash over “genocide” claims in Cameroon’, 12. Oktober 2017. https://cruxnow.com/global-church/2017/10/12/catholic-bishops-government-clash-genocide-claims-cameroon/

[8] “Association Camerounaise pour le Dialogue Interreligieux”. Antenne Régionale de l‘Extrême Nord. Synthèse des Activités Menées en 2017-2018. Internes Dokument, zur Verfügung gestellt von einem der Vorsitzenden des Organisation.

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